SAP S/4HANA-Transformation: Mehrwerte für die Steuerabteilung?

Die Mission der All for One Group besteht darin, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Kunden in einer digitalen Welt zu steigern. Dazu gehört auch die Implementierung eines intelligenten ERP-Systems. SAP S/4HANA ermöglicht die Verarbeitung und Analyse großer Datenmengen in Echtzeit und bietet eine deutliche Vereinfachung des Datenmodells. Welche Heraus­forderungen sich beim Umstieg auf S/4HANA ergeben und wie die Steuerabteilung einzubinden ist, darüber sprechen Thaddäus Schiller, Steuerberater und Partner, sowie Daniel Spieker, Head of Tax Technology und Director, beide bei Ebner Stolz, mit Stefan Land, Finanz­vorstand bei der All for One Group SE.

Steuerfunktion der Zukunft

Die Großen machen es vor – und die Mittelständler können davon lernen. Damit die Steuerabteilung eines Unternehmens handlungsfähig bleibt, bedarf es der Digitalisierung. Doch die Steuerabteilung hat in vielen Unternehmen in Sachen digitaler Transformation meist noch sehr viel Luft nach oben. Dabei sind die Herausforderungen für die Steuerfunktion immens: Zum einen muss sie sich kontinuierlich mit neuen und komplizierten regulatorischen Anforderungen in zahlreichen Ländern auseinandersetzen. Zum anderen muss sie auch den steigenden Erwartungen der Unternehmensleitung gerecht werden, indem auch die Steuerfunktion einen Wertbeitrag für das Unternehmen leistet. Dr. Gerd Gutekunst ist Leiter der Konzernsteuerabteilung der EnBW. Markus Heinlein, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Partner, sowie Daniel Spieker, Head of Tax Technology und Director, beide bei Ebner Stolz, sprechen mit ihm über die Steuerfunktion der Zukunft.

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Herr Dr. Gutekunst, bei der EnBW sind Sie für die steuerlichen Belange im ganzen Konzern verantwortlich. Ihnen begegnen Themen von Ertragsteuern und Umsatzsteuer über Energie- und Stromsteuer bis hin zu Außensteuern. Respekt vor dieser Aufgabe! Wie kann man bei dieser Komplexität den Überblick behalten?

Die EnBW ist als vollintegriertes Energie- und Infrastrukturunternehmen ein komplexer Konzern und mit mehr als 800 Beteiligungen tatsächlich herausfordernd. Wir betreuen in der Konzernsteuerabteilung mehr als 250 Gesellschaften. Daneben haben wir Teilkonzerne, die steuerlich weitestgehend selbständig agieren, wie unsere Tochtergesellschaft in Leipzig, die VNG AG, die Stadtwerke Düsseldorf AG oder die Energiedienst Holding AG in der Schweiz. Dazu kommen unsere Auslandsaktivitäten.
Die EnBW hat vor mehr als 20 Jahren alle Backofficeeinheiten, wie Rechnungswesen, Finanzierung, Steuern und Buchhaltung, für nahezu alle Tochtergesellschaften zentralisiert. Diese werden nunmehr von der Zentrale heraus kaufmännisch betreut. Entsprechend gut und stringent muss die Organisation sein. Darüber hinaus ist Networking mit den Fachabteilungen und den Geschäftseinheiten wirklich wichtig – nicht nur auf Leitungs-, sondern auch auf Mitarbeiter­ebene. Nur so können neue Entwicklungen von Anfang an auch steuerlich richtig aufgesetzt werden.

Gibt es für die Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen standardisierte Prozesse und Kommunikationswege? In vielen Unternehmen erfährt die Steuerabteilung ja oft nur per Zufall, wenn sich im Business steuer­relevante Neuerungen ergeben.

Genau, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Konzernsteuerabteilung müssen permanent den Austausch mit den Controllern und den Leitern der Geschäftseinheiten pflegen. Dafür gibt es regelmäßige Jour-fixe-Termine. Die Geschäftsfelder von EnBW sind vielfältig; so sind wir in Deutschland auch einer der größten Breitbandnetzbetreiber nach Telekom und Vodafone. Für diese Arbeit benötigen wir entsprechende Ressourcen: In der Steuerabteilung arbeiten derzeit 34 Kolleginnen und Kollegen, wovon 27 Steuerberater beziehungsweise Steuerberaterinnen sind.

Zur Erfüllung Ihrer Aufgaben sind Sie auf Daten aus anderen Unternehmensbereichen angewiesen. Wie ist die Steuerabteilung mit den übrigen Abteilungen digital vernetzt?

Da wir zentralisierte Funktionaleinheiten für alle Gesellschaften haben, benötigen wir nur jeweils eine Schnittstelle zum Controlling, Rechnungswesen etc. und decken somit alle Tochtergesellschaften ab. Wir arbeiten mit SAP – teilweise noch mit R/3 und teilweise bereits schon mit S/4HANA – und können so eine Vielzahl an ­Daten direkt abrufen. Das ist allerdings nur die halbe Miete für die Erstellung der Steuererklärung oder für die Steuerberechnung. Entscheidend ist, dass wir alle notwendigen Informationen – sei es vom Rechnungswesen, vom Controlling, aber auch von den Geschäftsführern oder der Rechtsabteilung – anhand einer standardisierten Checkliste abfragen. Rechnungswesen und Controlling sind daneben berechtigt und verpflichtet, ihre Daten selbständig in unsere Software einzupflegen. Zudem haben wir ­automatisierte Schnittstellen zu SAP und können für Zwecke der Umsatzsteuer bereits heute in einer Nacht rund 250 G+V-Konten unserer Gesellschaften in unsere Steuersoftware transferieren. Für die Ertragsteuern wollen wir diese Automatisierung in Kürze ebenfalls implementieren.

Dr. Gerd Gutekunst – Foto: Reiner Pfisterer

Daniel Spieker – Foto: Reiner Pfisterer

Markus Heinlein – Foto: Reiner Pfisterer

In vielen Unternehmen ist die digitale Transformation anderer Bereiche deutlich weiter fortgeschritten als die der Steuer­funktion.
Bei der EnBW scheint dies anders zu sein?

Ja, bei uns ist das anders. Die Digitalisierungsagenda der EnBW startete 2017, und der Steuerbereich wurde neben Controlling, Rechnungswesen, Einkauf und anderen Finanzeinheiten von Anfang an mitberücksichtigt. Digitalisierung ist kein Big Bang, sondern es geht zunächst darum zu erkennen, welche Prozesse sich sinnvoll digitalisieren lassen. Standardisierungspotential muss aufgespürt werden. Erst dann lohnt es sich, nach digitalen Lösungen für die einzelnen Prozesse zu suchen.
Ein Beispiel: Die Themen Energiesteuer und Stromsteuer betreffen nur wenige Unternehmen, hier ist die Auswahl an Software überschaubar. Deshalb haben wir einen eigenen Prozess zur Datenerhebung entwickelt. Die Daten stammen beispielsweise von Zählern in einem Kohlekraftwerk. Früher wurden die Daten dort abgelesen, manuell in eine Excel-Tabelle eingetragen und per Mail an die Steuerabteilung gesendet. In der Steuerabteilung wurden die Daten dann erneut händisch übertragen und weiterverarbeitet. Jetzt sind wir einen Schritt weiter: Inzwischen werden die Daten vor Ort in ein System eingepflegt, auf das wir digital Zugriff haben. Die verbleibende Aufgabe besteht darin, eine digitale Schnittstelle zum Zähler einzurichten.

Es ist interessant, dass der Steuerbereich von Anfang an in der Digitalisierungsstrategie Ihres Unternehmens berücksichtigt worden
ist. Mussten Sie dafür aktiv werben?

Unser Finanzvorstand Thomas Kusterer ist sehr interessiert daran, die Digitalisierung ­voranzubringen. Er sowie unser Bereichsleiter Jan Huth hatten von Anfang an auch den Steuer­bereich im Blick. Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass Digitalisierung erst einmal Kosten verursacht. Vor allem in der IT benötigt man zusätzliche Kapazitäten und ein Budget für neue Soft- oder Hardware.

Wie kommunizieren die Steuerfachabteilung und die IT der EnBW miteinander?

Wir setzen hier auf ein Kooperationsprojekt mit der Uni Mannheim und dem ­Karlsruher ­Institut für Technologie. Ein Doktorand aus ­Karlsruhe ist Informatiker. Die Doktorandin aus Mannheim hat ihren Schwerpunkt im Steuerrecht. Beide sind voll in unsere Steuerabteilung integriert. Sie tauschen sich wöchentlich mit den Kollegen der Steuerabteilung aus, die an Digitalisierungsprojekten arbeiten, und sie sind unser Bindeglied zur IT. Zusätzlich sprechen sie regelmäßig mit dem Transformationsteam der sogenannten F-Community in unserem Haus. Dieses ist ebenfalls ein Bindeglied zwischen IT und dem Finanzbereich, das aus Wirtschaftsinformatikern und Businessanalysten besteht. Gemeinsam arbeiten sie aktuell daran, zum Beispiel einen Data-Lake aufzubauen. Wir haben beispielsweise erkannt, dass wir mit § 50a EStG eine Herausforderung haben. Das ist eine Steuerabzugsverpflichtung. Wenn etwa Software aus dem Ausland erworben und dafür Lizenzzahlungen geleistet werden, muss unter bestimmten Voraussetzungen Quellensteuer einbehalten und abgeführt werden, sofern keine Freistellungsbescheinigung des Dienstleisters vorliegt. Unsere Doktoranden haben für diese Thematik einen Selfservice für das Intranet entwickelt. In der IT-Abteilung ist ein Manager für all diese Verträge zuständig. Für jeden neuen Vertrag nutzt er diesen Selfservice, um eine klare Handlungsanweisung zu erhalten: Da heißt es entweder: „muss mit der Steuerabteilung geklärt werden“ oder: „ist unproblematisch, führt zu keinen steuerlichen Konsequenzen“. Dadurch ist auch gleich alles dokumentiert und nachvollziehbar.


Standardisierungs­potential muss aufgespürt werden. Erst dann lohnt es sich, nach digitalen Lösungen für die einzelnen Prozesse zu suchen.

Auf welche Softwarelösungen setzen Sie in Ihrer Steuerabteilung?

Als Hauptsteuersoftware verwenden wir von Amana die GlobalTaxCenter Suite (GTC). Zusätzlich nutzen wir die Tax-Suite von Infolog, mit der wir unter anderem die Steuerbilanzen erstellen. Beide Softwarelösungen sind direkt mit SAP verknüpft, so dass Daten in beide Richtungen fließen können. Die Buchungen werden automatisiert ausgelöst, das hat unsere IT eingerichtet. Zusätzlich besteht in der Tax-Suite mit Bp-Online ein Modul, mit dem der Workflow der Betriebs­prüfung unterstützt wird. Und für die anstehende Grundsteuerreform haben wir aktuell Lizenzen für eine cloudbasierte App erworben, damit wir unsere ca. 40.000 Flurstücke sowie 5.000 wirtschaftlichen Grundeinheiten im Juli 2022 auch fristgerecht und effizient deklarieren können.

Werden Sie das bis dahin auch schaffen?

Wir haben bereits heute, also im Mai 2022, ca. 2.500 Datensätze fertig. Anfang 2021 sind wir mit dem Projekt gestartet und haben damals ­beschlossen, das digital umzusetzen. Die Datenaufbereitung erfolgt über das Forschungsprojekt mit Unterstützung von Studenten und ­Masteranden. Sie programmieren das System und verknüpfen die Datensätze. Im Vorfeld mussten rund 30.000 physische Einheitswertbescheide eingescannt werden. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz werden diese Daten ausgelesen und mit denen aus dem SAP-System gematcht. Dadurch erreichen wir schon eine große Abdeckung. Allerdings ist die EnBW in zwölf ­Bundesländern vertreten. Es macht natürlich Sinn, solche Lösungen dann auch für den gesamten Konzern anzubieten. Unsere Steuerabteilung unterstützt die Teilkonzerne und selbständigen Tochtergesellschaften bei der Implementierung.

Bei solch einem Umfang ist das Thema ­Grundsteuer wohl kaum ohne Technologie zu bewältigen, oder?

Definitiv nicht. Es ist auch so noch eine enorme Herausforderung, vor allem für die ­Finanzverwaltung. Wenn ich höre, dass manche Kommunen in Baden-Württemberg noch nicht einmal die Gutachterausschüsse bestellt haben, dann weiß ich nicht, wie sie am 1. Juli die Bodenrichtwerte bekommen sollen.

Wofür nutzen Sie Ihr Betriebsprüfungstool?

Für die gesamte Organisation und Abwicklung. Der Betriebsprüfer stellt seine Anfrage direkt über das System. Diese wird dann automatisch oder gegebenenfalls auch manuell entweder an das Rechnungswesen oder das Controlling weitergeleitet – je nachdem, wo die angeforderten Daten vorliegen. Die Anfrage wird dann aus dem System heraus passend zugestellt. Wir als Steuerabteilung prüfen auf Plausibilität. Die Dokumentation des Workflows findet auch in diesem System statt. Das hilft uns, die Betriebsprüfung zu beschleunigen. Wir haben eine Vereinbarung mit der Finanzverwaltung abgeschlossen, dass wir ihre Fragen innerhalb von vier Wochen beantworten. Mit diesem System haben wir auf Knopfdruck einen guten Überblick und sehen auch, um welche wichtigen To-dos wir uns kümmern müssen. Darüber hinaus können aus Bp-Feststellungen die Folgewirkungen als sogenannte Tax-Events unmittelbar digital für die Steuerbilanz abgeleitet und verarbeitet werden. Noch Jahre später ist damit eine Rückverfolgung des Abweichungssachverhalts bis hin zur Kommunikation mit dem Betriebsprüfer nachvollziehbar.

Wurde das System für die Betriebsprüfung direkt vom Betriebsprüfer akzeptiert?

Wir haben das System schon vor vielen Jahren eingeführt. Damals hat die Betriebsprüfung jedoch noch keinen Nutzen darin gesehen. Wir bekamen die Prüfungsanfragen also trotzdem in Papierform und mussten selbst die Prüferrolle in unserem System übernehmen. Aber mit ­Corona durften die Betriebsprüfer von Amts wegen unser Haus nicht mehr betreten. Daraufhin stat­teten wir sie mit Laptops aus, mit denen sie von zu Hause arbeiten konnten. Im Zuge dessen konnten wir sie davon überzeugen, sich auf unser System einzulassen. So ist es dann letztendlich zur aktuellen digitalen Lösung gekommen.

Von der Finanzverwaltung erhalten Sie aber ihre Steuerbescheide weiterhin in Papierform?

Wir bekommen allein für die Körperschaft- und die Gewerbesteuer im Jahr um die 2.000 Papiersteuerbescheide. Jeder einzelne davon hat zwei oder drei Seiten, das sind 4.000 bis 6.000 Seiten. Wir haben eigentlich alle Daten digital in unserem System und müssen innerhalb von einem Monat die Prüfung mit den Papiersteuerbescheiden vornehmen. Jetzt wollen wir das digitalisieren. Ab Herbst 2022 soll alles automatisch laufen: Der Bescheid kommt dann in der Poststelle an, wird eingescannt und automatisch abgeglichen. In der Steuerabteilung bekommen wir nur noch eine Mitteilung, die uns sagt, ob es eine Differenz gibt oder nicht.

Haben Sie schon erste Erfahrungswerte, wie gut das funktioniert mit dem Auslesen der Bescheide und dem Abgleich?

Erste Erfahrungen mit den strukturierten Daten haben wir beim Scannen der Körperschaftsteuerbescheide durch die Poststelle bereits sammeln können. Das geht richtig gut. Jetzt müssen wir aber noch die Verknüpfung mit der Steuererklärung schaffen. Das ist der nächste ­digitale Schritt, damit wir die selbständige ­Prüfung hinbekommen.

Wo sehen Sie Hindernisse bei der digitalen Transformation?

Ein großes Hindernis stellt der digitale Datenaustausch mit der Finanzverwaltung dar. Viele andere Staaten bekommen das hin, bei uns versteckt man sich leider hinter dem Datenschutz. Wir können nicht einmal via E-Mail über eine gesicherte Verbindung mit der Finanzverwaltung kommunizieren. Intern sind die begrenzten Kapazitäten in der IT-Abteilung ein Problem. Wir könnten noch viel mehr digitalisieren, wenn es mehr IT-Mitarbeiter gäbe. Das Budget ist dabei weit weniger problematisch. Wir können die offenen Stellen einfach nicht besetzen. Damit sind wir aber nicht allein.


Der Einsatz eines Tax CMS ist vom Digitalisierungsgrad eines Unternehmens abhängig. Je höher der Digitalisier­ungsgrad, desto besser sind die Kontrollsysteme.

Was halten Sie von der Überlegung, dass ein „Tax Compliance Management System“ (Tax CMS) als Grundlage für eine Betriebs­prüfung dienen sollte und, darauf basierend, dann nur noch Stichprobenprüfungen ­erfolgen?

Ich bin ein ganz großer Befürworter von Tax CMS. Das auch noch in der Betriebsprüfung einzusetzen, fände ich sehr nützlich. Leider ist das bei uns noch nicht der Fall. Der Einsatz eines Tax CMS ist vom Digitalisierungsgrad eines Unternehmens abhängig. Je höher der ­Digitalisierungsgrad, desto besser sind die Kontrollsysteme. Ein Tax CMS müssten wir im Wesentlichen nur noch überwachen. Wir haben für Ertragsteuer, Umsatzsteuer, Lohnsteuer, Energiesteuer und Stromsteuer ein Tax CMS aufgestellt und auch bereits auf seine Wirksamkeit hin zertifizieren lassen. Das kann dann auch die Betriebs­prüfung nutzen, denn sobald beispielsweise der ganze Einkaufs-, Kreditoren- und Debitorenprozess im System aufgenommen ist, müsste der Betriebs­prüfer nur noch den Prozess prüfen und gegebenenfalls Stichproben nehmen. Falls ein Fehler gefunden wird, übernehmen wir die Verantwortung und stellen umgehend Transparenz her und berichtigen den Fehler. Unser Ziel ist es, die Betriebsprüfung so leicht wie möglich zu machen und den Prozess zu beschleunigen.

Wie stellen Sie sicher, dass die im Steuerbereich eingesetzte Software mit den sich stetig verändernden Anforderungen der Finanz­verwaltung Schritt hält?

Wir haben Mitarbeiter in der Steuerabteilung, die sich um die verschiedenen Softwaresysteme kümmern. Sie pflegen die Daten, spielen Software-Updates auf, die in der Regel ein- bis zweimal im Jahr fällig sind, und testen kontinuierlich unsere Schnittstellen. Der Finanzverwaltung fehlt hier meines Erachtens das Grundverständnis für die IT-Systeme, denn sie verändert laufend die Formulare. Solche Änderungen in der Software zu berücksichtigen ist jedoch sehr aufwendig. Hinzu kommt der zeitliche Aspekt. Wenn das neue Formular kommt, müssen wir in der Regel in kurzer Zeit damit klarkommen.

In der Praxis heißt das: Die Meldemasken in unseren Systemen ändern sich, unser Softwareanbieter muss neu programmieren und ein Mitarbeiter in der Steuerabteilung oder der Steuerberater muss die Daten neu zuordnen. Das ist ein immenser jährlicher Aufwand, der meiner Meinung nach nicht in dem Umfang sein müsste. Wir beschäftigen einen Mitarbeiter, der ausschließlich für die IT-Systeme im Steuerbereich verantwortlich ist. Ich denke, auch die Steuerberater müssen hier aufrüsten. Wir brauchen mehr Steuerberater, die auch Steuer-IT-­Manager sind. Das ist eine völlig neue Rolle für sie: die Verantwortung für eine Softwarelösung tragen und sicherstellen, dass sie voll funktionsfähig ist und der aktuellen Regulatorik entspricht.

Welche Rolle spielt in einer automatisierten Steuerfunktion künftig noch der Faktor Mensch? Wie stellen Sie sicher, dass Ihre ­Mitarbeiter in der Lage sind, neben den ­steuerfachlichen Herausforderungen auch die technologischen Hürden zu meistern?

Keine Frage, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Steuerabteilung müssen eine IT-Affinität entwickeln. Sie brauchen prozessu­ales Denken und ein Gespür für Daten. Auch die Steuerberater und Steuerberaterinnen sehe ich hier in der Pflicht. Sie müssen aufklären, wie die Prozesse digital besser funktionieren können. Aber das geht nicht auf die Schnelle. Es braucht aus meiner Erfahrung ein paar Jahre, um alle in der Steuerabteilung zu sensibilisieren und die IT-Affinität überhaupt herzustellen. Bei uns kommen mittlerweile viele Anregungen zur Digitalisierung aus den Teams. Deshalb veranstalten wir einmal im Jahr einen Workshop, um die Ideen mit dem größten Nutzen zu identifizieren und sie umzusetzen. Das ermöglicht ein Umdenken, denn wir digitalisieren, weil wir einen klaren Nutzen darin erkennen. Es ist wichtig, dass solche Veränderungen aus den Teams kommen. Wenn das nur die Führungsebene forciert, dann fehlt es oft an der Bereitschaft für die konkrete Umsetzung im Team.


Wir digitalisieren, weil wir einen klaren Nutzen darin erkennen.

Bei dem Digitalisierungsgrad – gibt es in Ihrer Abteilung überhaupt noch Aktenschränke?

Die Aktenschränke sind überflüssig, alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen arbeiten seit zweieinhalb Jahren von zu Hause aus. Die wenigsten werden ins Büro zurückkehren. Unser Vorstand hat den Mitarbeitern zugestanden, dass jeder selbst entscheiden darf, wo er arbeiten will und wie oft er noch ins Büro kommen möchte.

Das heißt sicherlich auch, dass Sie weitgehend papierlos arbeiten?

Ja, auch an der Stelle haben wir viel getan. Alle steuerlich relevanten Daten sind digital verfügbar und können bearbeitet werden. Hard­copy-Daten, die von außen kommen, werden alle direkt digitalisiert. Das läuft gut, aber natürlich auch nicht fehlerfrei. Unsere Poststelle scannt alle Post, die vom Finanzamt kommt, ein und schickt sie als PDF an ein digitales Postfach der Steuerabteilung. Im Januar dieses Jahres ­kamen dann die Steuerbescheide, aber leider auch gleichzeitig 4.000 Grundsteuerbescheide. Das hatten wir nicht bedacht. Nach dem Scan sahen die E-Mails alle gleich aus und das angehängte PDF auch. Wir konnten also nicht sehen: Was betrifft die Grundsteuer, und welches ist jetzt ein Steuerbescheid, den wir in der Frist prüfen müssen? Das war ein echtes Problem, denn so hatten wir kurzfristig weit über 4.000 E-Mails zu bearbeiten. Zum Glück haben dann aber viele Kollegen und auch Werkstudenten mitgeholfen, die Aufgabe in wenigen Tagen zu bewältigen.

Abschließend noch ein Blick in die Zukunft: Wie wird die Arbeit der Steuerfunktion in zehn bis 15 Jahren aussehen, und was wird sich bis dahin alles verändert haben?

Die Steuerermittlung ist eine sehr ­komplexe Aufgabe. Ob Ertragsteuer, Umsatzsteuer, Stromsteuer oder Energiesteuer – ihr Aufbau ist unterschiedlich. Deshalb glaube ich, dass es den Steuerberaterberuf noch sehr lange geben wird. Die Digitalisierung wird hier aber vieles vereinfachen, beschleunigen und rechtssicherer machen. Sie eröffnet auch neue Chancen; nehmen wir die wachsende E-Mobilität als Beispiel: EnBW ist der größte Schnellladenetzbetreiber in ganz Deutschland. Wir haben einen Tarif und eine App. Unsere Kunden können bislang in neun Ländern mit dem gleichen Tarif tanken. Bis Ende Juni 2022 werden es 17 Länder sein. Das bedeutet, dass wir dort umsatzsteuerlich und teilweise stromsteuerlich registriert sein und Voranmeldungen in all diesen Ländern abgeben müssen. Jede Betankung löst einen Umsatz aus. Die ­Herausforderung dabei ist, dass die Betankung als einzelner Datensatz – derzeit sind es 250.000 Datensätze pro Monat – dem Kunden in Echtzeit in der App gezeigt und von uns gleichzeitig auch verarbeitet werden muss, damit die Steuervoranmeldung erfolgt.

Würde das nur deutsche Staatsbürger betreffen, wäre das tatsächlich einfach. Aber wenn ein Schweizer mit unserer App in Dänemark tankt, dann ist das alles andere als trivial. Der Schweizer ist kein EU-Bürger. Das bedeutet, dass beurteilt werden muss, wie der Vorgang umsatzsteuer- und gegebenenfalls stromsteuerlich bewertet werden muss. Hier braucht man Programmierer, die sich im Steuerrecht auskennen, um einen entsprechenden Algorithmus bereits in der Buchhaltung zu implementieren.
Ich erwarte auch, dass wir zukünftig einen digitalen Datenaustausch zwischen unserer Steuerabteilung und der Finanzverwaltung haben werden. Jenseits föderaler Strukturen gibt es ja schon erfolgreiche Beispiele. Bei der Energie- und der Stromsteuer, die auf Bundesebene ­geregelt sind, stehen wir schon digital im Austausch.

Die EnBW

Energie Baden-Württemberg AG ist ein börsennotiertes Energieversorgungsunternehmen mit Sitz in Karlsruhe. Das Unternehmen ist, gemessen am Umsatz, nach Uniper und E.ON das drittgrößte Energieunternehmen in Deutschland. Es hat rund 26.100 Beschäftigte und wurde 1997 gegründet.

Dr. Gerd Gutekunst

leitet seit 2013 die Konzernsteuerabteilung der EnBW AG und verantwortet mit seinem Team die steuerlichen Belange des Konzerns und einer Vielzahl von Tochtergesellschaften für sämtliche direkten (Ertragsteuern) als auch indirekten Steuern (Umsatzsteuer, Stromsteuer, Energiesteuer). Außerdem hält er regelmäßig Vorlesungen am Karlsruher Institut für Technologie. Zuvor war er bei der Commerzbank und bei KPMG beschäftigt.