Welche Rolle spielt das Thema Smart City für Ihr Unternehmen?
Peter Ummenhofer: Vitronic ist schon lange im Bereich Smart City tätig. Der Fokus liegt auf Smart Mobility und hier speziell auf Themen der Verkehrsüberwachung und Verkehrssicherheit. Derzeit kommen zunehmend vernetzte Fahrzeuge auf den Markt. Diese Fahrzeuge können mit anderen Fahrzeugen oder mit der Infrastruktur Daten austauschen. So kann mithilfe von Technologie und Digitalisierung der Verkehr flüssiger gestaltet und die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer erhöht werden.
Tim Bissé: Als „The Machine Vision People“ sind wir Augen und Ohren – heißt, wir schauen uns die Verkehrsumwelt an und erfassen, was dort passiert. Unsere Daten werden unter anderem für Vorhersagemodelle genutzt, um Ampelphasen zu optimieren. Diese Modelle können jetzt durch KI noch einmal zusätzlich befeuert werden.

©VITRONIC
Welche Erwartungen haben Kommunen typischerweise an Smart-City-Lösungen von Unternehmen wie Vitronic?
Peter Ummenhofer: Bei Verkehrssystemen ist eine hohe Verfügbarkeit wichtig. Das versuchen wir nicht nur über hochqualitative Systeme abzudecken, sondern auch über Services. Aber auch Datensicherheit und Datenschutz sind wichtige Themen für Kommunen.
Tim Bissé: Man muss die Kommunen dort abholen, wo sie jeweils stehen. Es gibt Kommunen, die beschäftigen sich viel mit Smart City. Andere Kommunen sind völlig neu in dem Bereich. Deshalb muss man entsprechende Beratungen oder auch Schnittstellen anbieten. Und dann natürlich die Frage: Über welche finanziellen Mittel verfügt die Kommune? Muss man eventuell über Förderprojekte noch eine Finanzierung aufbauen?

©VITRONIC
Gibt es manchmal von kommunaler Seite überzogene Erwartungen an Ihre Angebote?
Peter Ummenhofer: Teilweise scheitern Kommunen oder Behörden an ihrem Silo-Denken. Manche Smart-City-Initiativen erfordern es, über Behördenzuständigkeiten hinweg zusammenzuarbeiten. Einzelne Behörden können oft nicht alles lösen, was es braucht, um eine wirklich gute Lösung auf die Beine zu stellen. Im Verkehrsmanagement muss man unterschiedliche Verantwortliche zusammenbringen – und die Bereitschaft, aus dem eigenen Silo herauszudenken, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt.
Was läuft gut in der Zusammenarbeit mit den Kommunen und wo hakt es noch?
Peter Ummenhofer: Wir sind auch im Mittleren Osten tätig, da werden große Unterschiede im Vergleich zu Deutschland sichtbar. Hierzulande wird Innovation durch bürokratische Hürden und lange Entscheidungsprozesse verzögert. Städte wie Dubai hingegen rechnen damit, dass Projekte schnell umgesetzt werden. Dort erwarten Kunden meist ein fertiges Produkt, wobei Pilotprojekte zwar gerne gesehen sind, aber schnelle Ergebnisse bevorzugt werden. Wir müssen diesen Spagat zwischen der langsameren Entwicklung in Deutschland und dem schnelleren Tempo in anderen Ländern meistern, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.
Welche Rolle spielen Förderprojekte in Ihrem Bereich?
Peter Ummenhofer: Förderprojekte sind ein zweischneidiges Schwert. Es ist eine Möglichkeit, neue Produktideen fördern zu lassen. Aber für Förderprojekte ist mittlerweile sehr viel Verwaltung und Dokumentation notwendig. Da muss man abwägen, ob der Aufwand im Verhältnis zum Projekt steht.
Tim Bissé: Zwischen einem Förderprojekt und einem Produkt liegen meiner Erfahrung nach etwa drei bis fünf Jahre. Diese Zeit muss man überbrücken. Das Ziel von einem Förderprojekt ist es, eine vermarktungsfähige Lösung zu erzeugen. Das heißt, ein Förderforschungsprojekt muss sehr zielgerichtet stattfinden.
Welche Probleme begegnen Ihnen bei der Umsetzung von Smart-City-Projekten?
Peter Ummenhofer: Datenschutz und Finanzierung sind die größten Hürden. Bei uns geht es darum, mit Kameras etwas zu detektieren, zu überprüfen, zu überwachen. Das kann Akzeptanzprobleme in der Gesellschaft auslösen.
Tim Bissé: Das andere Thema ist die Finanzierung. Viele Kommunen können sich Projekte nicht leisten. Anlagen zur Geschwindigkeitsüberwachung haben aber beispielsweise den Vorteil, dass sie selbst einen Beitrag zu ihrer Finanzierung leisten können.
Welche Voraussetzungen muss es auf beiden Seiten geben, damit ein Smart-City-Projekt zum Erfolg wird?
Peter Ummenhofer: Man muss offen für Neues sein. Veränderung bedeutet auch, Fehler zu machen. Dafür braucht es die Offenheit, Risiken in Kauf zu nehmen. Die Grundhaltung der deutschen Behörden ist jedoch eher vorsichtig. Hinzu kommen komplexe Regularien. Würde man diese Vorgaben vereinfachen und entflechten, dann wäre die Einführung von Smart-City-Projekten leichter. Außerdem kann das föderale System bremsen, denn man spricht mit unterschiedlichen politischen Ebenen und Ansprechpartnern.
Wenn Sie fünf bis zehn Jahre in die Zukunft schauen: Wo wird Deutschland beim Thema Smart City stehen?
Peter Ummenhofer: Deutsche Städte werden weiter sein, aber wahrscheinlich nicht so weit wie Städte in anderen Ländern. Eine pragmatische Mentalität könnte helfen, ebenso wie die Bereitschaft, Geld in die Hand zu nehmen. Ich würde tatsächlich gerne ein Plädoyer für mehr Innovation und Forschung halten: Wir haben in Deutschland eine gute Basis. Es gilt, dranzubleiben und an manchen Stellen umzudenken.
Tim Bissé: Es wird sehr viel mehr automatisierte Prozesse geben. Vielleicht passiert das auch langsamer als im Ausland. Aber Transformation braucht Zeit und Geduld. Wenn „Lessons Learned“ bereits bestehen, kann direkt mit einer richtigen Lösung gestartet werden. Grundsätzlich habe ich die Hoffnung, dass in den nächsten Jahren einige Türen aufgehen und den Fortschritt anstoßen. Ich glaube, es wurde seitens der Kommunen bis hoch zur Bundesregierung erkannt, dass wir das Thema Innovation voranbringen müssen und damit auch das Thema Smart Traffic.
Vitronic ist ein führendes Unternehmen der industriellen Bildverarbeitung. Seit 1984 werden in Wiesbaden automatisierte Systeme für Verkehrstechnik, Logistik, Automotive und Medizintechnik etwa für Qualitätssicherung, Identifikation und Prozessoptimierung entwickelt. Vitronic ist weltweit in über 80 Ländern aktiv.