Was macht eine Stadt zu einer smarten Stadt?
Falk Streubel: Für mich ist eine Stadt dann smart, wenn drei Dinge gelingen: Erstens die Vereinfachung von Prozessen, zweitens die bessere Vernetzung der Akteure innerhalb der Stadt und drittens die Sicherheit des gesamten städtischen Ökosystems mit Blick auf Bedrohungen von außen wie Cyberrisiken.
Nina Freund: Digitale Projekte gab es schon immer. Das Neue ist die intelligente Verbindung bestehender Systeme. Wenn man zum Beispiel das Regenwassermanagement mit dem Baumkataster verknüpft, entsteht Mehrwert. Genau diese Vernetzung macht eine Stadt smart.

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Warum sind Smart-City-Projekte gerade für Deutschland relevant?
Nina Freund: Smart-City-Projekte laufen auf kommunaler Ebene ab und sind daher für Bürger am unmittelbarsten erlebbar. Eine Smart City kann sichtbare Verbesserungen im Alltag bewirken und das Gemeinschaftsgefühl stärken.
Falk Streubel: Viele Projekte entstehen Top-down, weil es gerade Fördermittel gibt. Wichtig ist, bestehende Best Practices und Benchmarks einzubeziehen. Innerhalb der Verwaltung kann ein Smart-City-Projekt Katalysator sein, weil es Organisationseinheiten zusammenbringt.

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Wie schafft man es, wirklich alle Bürger mitzunehmen?
Falk Streubel: Es braucht Kommunikation auf Augenhöhe und Geduld. Wenn Bürger den Mehrwert für sich erkennen, steigt die Bereitschaft zur Mitwirkung erheblich.
Nina Freund: Ein Beispiel sind klassische Beteiligungsformate. Versammlungen abends in der Stadthalle – das reicht heute nicht mehr. Jüngere Menschen erreicht man besser mit flexiblen Formaten, etwa QR-Codes auf Flyern oder Beteiligungsaktionen auf einem Stadtfest. Außerdem muss Beteiligung konkret sein: Man fragt diejenigen, für die die Themen relevant sind.
Ein wichtiger Aspekt ist die Verbindung von Smart City und Nachhaltigkeit. Kann man diese beiden Zukunftsthemen intelligent miteinander verknüpfen?
Nina Freund: Unbedingt. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Intelligente Müllcontainer melden beispielsweise, wenn sie voll sind, sodass Abholungen effizienter geplant werden können. Oder beim Thema Klimaanpassung: Städte entwickeln sich zur Schwammstadt, um Starkregen abzufedern. Intelligente Abwassersysteme können melden, wenn sie überzulaufen drohen. Ebenso wichtig ist das Energiemanagement in Gebäuden. Das spart nicht nur CO₂, sondern auch Geld.
Falk Streubel: Ein weiteres Beispiel ist die Verknüpfung von Daten. In vielen Städten werden an öffentlichen Gebäuden Temperatur- und Luftdrucksensoren installiert. Diese Daten lassen sich mit städtischen Klimamessungen verbinden, sodass Bürgern konkrete Empfehlungen gegeben werden können: „Gehen Sie bei Hitze in diesen Park, dort ist es kühler.“ Nachhaltigkeit verstehe ich aber nicht nur ökologisch. Auch die ressourcenschonende Nutzung von Verwaltungsdaten gehört dazu. Wenn Bürger dieselben Daten nicht mehrfach eingeben müssen, ist das auch ein Gewinn an Effizienz.
Kritiker wenden ein, dass Smart-City-Technologien selbst viel Energie verbrauchen. Wie gehen Sie mit diesem Einwand um?
Nina Freund: Natürlich verbraucht Technologie Energie, besonders KI-Lösungen. Aber oft braucht es gar nicht die neuesten High-End-Anwendungen. Schon einfache Vernetzungen bestehender Daten sparen Ressourcen. Der Nettoeffekt ist positiv.
Welche Rolle spielt das Thema Datenschutz?
Falk Streubel: Die Rechtslage ist komplex, man geht mit dem Thema Datenschutz vorsichtig um. Das ist nachvollziehbar. Aber Datenschutz kann auch Ermöglichung sein. Eine differenzierte Auseinandersetzung zeigt, dass mehr möglich ist als der erste Blick vermuten lässt.
Nina Freund: Datenschutz kann sogar Vertrauen schaffen. Wenn Bürger in einer Stadt-App nachvollziehen können, wer auf ihre Daten zugegriffen hat, stärkt das die Akzeptanz.
Welche Rolle haben Sie dabei als Berater?
Falk Streubel: Das ist sehr unterschiedlich. Wir unterstützen Kommunen bei Machbarkeitsstudien, in verschiedensten Projekten oder durch internationale Best Practices. Und wir helfen, wenn es darum geht, sich mit neuesten Technologien vertraut zu machen und diese einzusetzen.
Nina Freund: Smart-City-Projekte verlaufen in Phasen: Von der Markterkundung über die Strategieentwicklung bis zur Implementierung und Evaluation. Wir bringen internationale Beispiele ein, helfen bei der Verknüpfung der richtigen Akteure und entwickeln auch selbst Lösungen, zum Teil gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und der Tech-Branche. Entscheidend ist, dass der Mehrwert für die Menschen im Vordergrund steht.
Welche Unterschiede gibt es zwischen großen und kleinen Kommunen?
Nina Freund: Großstädte wie München müssen von Anfang an vernetzt denken, weil viele Akteure involviert sind – Universitäten, Unternehmen, städtische Betriebe. Kleine Kommunen starten dagegen oft mit Einzelprojekten, etwa einem Mängelmelder. Das ist nachvollziehbar, führt aber später zur Frage: Wie füge ich die Bausteine zu einem Gesamtkonzept zusammen?
Falk Streubel: Zugleich sehen wir: Die finanzielle Handlungsfähigkeit vieler Städte und Gemeinden hat in den letzten Jahren deutschlandweit immer mehr nachgelassen. Pflichtaufgaben haben Vorrang, freiwillige Leistungen und Investitionen in Smart-City-Projekte werden zurückgestellt. Dabei wären gerade dort Investitionen in smarte Lösungen besonders hilfreich.
Wo sehen Sie die größten Hürden in Deutschland?
Falk Streubel: Zum einen braucht es mehr bereichsübergreifende Zusammenarbeit. Fachbereiche arbeiten für sich und tauschen sich zu wenig aus. Das verhindert Synergien. Außerdem fehlt oft der Mut zur Innovation. Wichtig ist hier die Unterstützung durch die Führungskräfte. Sie können die Umsetzung neuer Ideen vorantreiben.
Nina Freund: Hinzu kommt, dass Fördermittel schwer zu beantragen sind. Viele Kommunen scheitern an der Bürokratie. Und selbst wenn die Finanzierung sichergestellt ist, fehlen oft die Fachkräfte, um Projekte umzusetzen.
Welche Empfehlungen geben Sie Kommunen?
Falk Streubel: Wir müssen weg von den großen Masterplänen und hin zu kleinen, erreichbaren Schritten. Pilotprojekte sind wertvoll, wenn sie verstetigt werden. Wichtig ist, früh sichtbare Erfolge zu schaffen, die das Thema für Bürger und Verwaltung greifbar machen.
Nina Freund: Und immer die Menschen mitnehmen – sowohl die Mitarbeitenden in der Verwaltung als auch die Bürger. Technologie allein reicht nicht. Partizipation, Transparenz und Vertrauen sind die eigentlichen Erfolgsfaktoren.