Der Weg zur Klimaneutralität

Der Gesundheitssektor ist Mitverursacher und Betroffener der Klimakrise. Die Transformation zur Klimaneutralität ist für ihn ein Beitrag zur Gesundheitsförderung und zugleich eine Selbstschutzmaßnahme. Um den Transformationsprozess zu begleiten, fragen die BARMER und das F.A.Z. Institut jährlich den Stand der Entwicklung ab. Der Vergleich zu den Vorjahren zeigt: Die Transformation zur Klimaneutralität stagniert. Es gibt zwar bereits Organisationen, die aktiv in den Klimaschutz investieren oder dies planen, vielerorts handelt es sich jedoch um Einzelmaßnahmen.

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Ein ambitioniertes Ziel

Im Jahr 2021 hat der 125. Deutsche Ärztetag ein klimaneutrales Gesundheitswesen bis zum Jahr 2030 gefordert. Angesichts der großen Heterogenität aller Akteure ist das eine Herausforderung. Die 2025 befragten Organisationsvertreter sehen das ähnlich: Lediglich 6 Prozent rechnen mit einem klimaneutralen Gesundheitswesen bis 2030. Um eine nachhaltige Transformation anzustoßen, muss das Ziel Klimaneutralität beziehungsweise Nachhaltigkeit zwingend in der Strategie und der täglichen Arbeit aller Organisationen verankert sein. Dazu muss der Gesundheitssektor Klimaneutralität als relevantes Thema identifizieren, sich der Chancen bewusst sein und trotz der zahlreichen Hindernisse zügig konkrete Maßnahmen umsetzen.

„Das deutsche Gesundheitswesen wird bis 2030 klimaneutral sein.“

6%

Welchen der folgenden Thesen zu Klimaneutralität im Gesundheitssektor stimmen Sie zu?; in Prozent der Befragten; n = 415 (2015) / 409 (2024) / 443 (2023)

Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

Klimaneutralität bleibt auf der Agenda

Möchte der Gesundheitssektor seiner Verantwortung für gesunde Lebensbedingungen im Hinblick auf den Klimawandel gerecht werden, müssen die Entscheider die Klimaneutralität als wichtiges Handlungsfeld der eigenen Organisation anerkennen. Die positive Nachricht: Fast die Hälfte der befragten Organisationen beschäftigt sich aktiv mit der eigenen Klimaneutralität. Fast ein Fünftel der Einrichtungen hat dies zudem fest eingeplant, 2024 lag dieser Anteil bei 25 Prozent. Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch, dass der Anteil aktiv gewordener Einrichtungen seit 2022 stagniert.

Hat sich Ihre Organisation bereits mit dem Thema Klimaneutralität beschäftigt?; in Prozent der Befragten; n = 415 (2025) / 409 (2024) / 443 (2023)

Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

Chancen erkennen

Keiner der Akteure des Gesundheitssektors kann sich dem Thema Klimaneutralität langfristig entziehen. Klar ist aber auch: Die Qualität der medizinischen Versorgung darf durch die Klimaschutzmaßnahmen nicht beeinträchtigt werden. Dadurch wird die Transformation zur Mammutaufgabe. Hier kann es helfen, auf die Potentiale und Chancen des Transformationsprozesses zu fokussieren. Ein optimiertes Ressourcenmanagement bietet beispielsweise erhebliche Kostenvorteile. Zudem steigert die Umstellung auf regionale, regenerative Energiequellen die Resilienz und sichert im Krisenfall die Gesundheitsversorgung.

Bis 2024 hat sich an der Perspektive der befragten Organisationsvertreter kaum etwas verändert. 34 Prozent der Befragten sehen im klimaneutralen Betrieb ihrer Organisation Kostenvorteile, und die Chance zur Risikominimierung gilt sogar nur noch für 12 Prozent als Anreiz. Nach wie vor setzen eher externe Faktoren die Klimaneutralität in den Fokus der Handelnden. Die Hälfte bezeichnet die gesellschaftliche Bedeutung des Themas als wichtigen Treiber, und für 22 Prozent spielen die Erwartungen von (zukünftigen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Rolle. Immerhin: Der Beitrag zur Prävention beziehungsweise Gesundheitsförderung stellt nun für mehr als ein Drittel der Befragten einen wichtigen Anreiz zur eigenen Klimaneutralität dar. Daneben kommt auch der gesetzgeberische Druck, nachhaltig zu wirtschaften und dies auch zu dokumentieren, immer häufiger bei den Organisationen an. Ein Drittel der Befragten stuft regulatorische Vorgaben, wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz oder den EU Green Deal, als Treiber ein.

Was sind die wesentlichen Treiber für den klimaneutralen Betrieb Ihrer Organisation?¹; in Prozent der Befragten; n = 409 (2024) / 443 (2023) / 551 (2022)

¹Darstellung ohne Antwortkategorien „Sonstiges“, „keine dieser Maßnahmen“ und „weiß nicht/keine Angabe“ Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

Was hindert Organisationen Ihrer Branche derzeit an einem klimaneutralen Betrieb?¹;
in Prozent der Befragten; n = 409 (2024) / 443 (2023) / 551 (2022)

¹Darstellung ohne Antwortkategorien „Sonstiges“, „keine dieser Maßnahmen“ und „weiß nicht/keine Angabe“
Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

Hindernisse überwinden

So dringlich die Transformation auch ist, für die Organisationen des Gesundheitssektors ist der Weg zur Klimaneutralität voller Hindernisse. Selbst wenn die Vorteile eines klimaneutralen Betriebs erkannt werden, sind die notwendigen Investitionen hoch. Die Erträge lassen sich zudem erst Jahre später einfahren. Gleichzeitig gelingt die Transformation nur unter den richtigen regulatorischen Voraussetzungen.

2024 sahen sich die Organisationsvertreter durch ungenügende finanzielle Mittel ausgebremst: 50 Prozent nannten diesen Aspekt. Mehr als ein Drittel der Befragten sah zudem infrastrukturelle Hindernisse. Im Vergleich zu 2023 fällt auf: An der Häufigkeit und der Reihenfolge der hemmenden Faktoren hat sich wenig verändert. Die Rahmenbedingungen für den notwendigen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit haben sich nicht verbessert.

Maßnahmen ergreifen

Welche konkreten Maßnahmen unternimmt bzw. plant Ihre Organisation in Bezug auf Klimaneutralität?¹; in Prozent der Organisationen; n = 415 (2025)

¹Darstellung ohne Antwortkategorien „Sonstiges“, „keine dieser Maßnahmen“ und „weiß nicht/keine Angabe“ ²nur für ausgewählte Organisationen passend und dann erhoben.

Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

Obwohl sich die Rahmenbedingungen für die meisten Organisationen nicht verbessert haben, können CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch auch unter den aktuellen Voraussetzungen reduziert werden. Einige Vorreiter haben bereits bewiesen, dass Fortschritte möglich sind. Organisationen müssen konsequent den eigenen Emissionsanteil quantifizieren sowie Handlungsfelder identifizieren und priorisieren. Erst danach kann durch konkrete Maßnahmen die Transformation der eigenen Organisation angestoßen werden. Das ist aber selbst unter Idealbedingungen kein einfaches Vorhaben. Um Ressourcen zu schonen und Treibhausgasemissionen zu reduzieren, müssen in zahlreichen Handlungsfeldern koordinierte Maßnahmen ergriffen werden. Energie- und Ressourcenverbrauch sowie Logistik und Mobilität sind wichtige Aktionsbereiche. Gleichzeitig gilt es jedoch auch, gezielte Maßnahmen in den Feldern Speiseversorgung, Chemikalienverbrauch und Baumaterialieneinsatz zu initiieren.

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren wurden nur vereinzelt Fortschritte erzielt. Es bleibt dabei: Organisationen, die aktiv in Klimaschutz investieren oder dies planen, setzen auf essenzielle Maßnahmen wie die Förderung nachhaltiger Mobilität, die Nutzung erneuerbarer oder lokaler Energiequellen und die energetische Sanierung.