Woran arbeiten Sie derzeit konkret?
Christiane Walter: Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) arbeitet an rund 200 Projekten – von globalen Themen wie Planetary Boundaries und Tipping Points bis zu regionalen Fragen wie Wasser, Landwirtschaft oder Städten. Ziel ist es, Erkenntnisse aus allen Ebenen zusammenzuführen und ein kohärentes Bild zu zeichnen. Im Projekt LOCALISED begleiten wir Städte und Kommunen dabei, Klimaziele konkret umzusetzen – das ist oft der Punkt, an dem es hakt. Dafür haben wir mit der Climate Media Factory den Climate Action Strategiser entwickelt. Er unterstützt Kommunen beim Erstellen effizienter Klimaschutzpläne. Der Citizen Engager, ein Handbuch für die Zusammenarbeit mit Bürgerinnen und Bürgern, ergänzt das Online-Tool.

©Nikolaus Brade, Bauhaus Earth
Herr Vendidandi, Sie verantworten die technische Umsetzung des Climate Action Strategiser. Erklären Sie uns die Funktionsweise.
Komal Vendidandi: Das Tool ermöglicht es Kommunen, ihre Region direkt auf einer Karte auszuwählen. In Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Jülich wurden dafür nationale Dekarbonisierungsziele auf die regionale Ebene heruntergerechnet. Nach der Auswahl der Region werden unterschiedliche Szenarien vorgeschlagen: der Plan mit der größten Emissionsreduktion, der sozial verträglichste Ansatz oder die beste Strategie zur Klimaanpassung. Grundlage ist eine Datenbank mit rund 380 Maßnahmen, die sich kombinieren und daraufhin prüfen lassen, welchen Beitrag sie zum Ziel Netto-Null-Emissionen bis 2050 leisten. Ein Beispiel: In Regionen mit Kohlekraftwerken kann das Tool berechnen, wie stark ein Umstieg auf erneuerbare Energien Emissionen senken würde und welche Kosten entstehen. Zusätzlich können Kommunen eigene Daten einspielen, um Szenarien präziser zu gestalten.

©privat
Herr Hezel, Sie haben das Programmdesign entwickelt. Wer war daran beteiligt?
Dr. Bernd Hezel: Wir haben verschiedene Stakeholder eingebunden: Experten, die lokale Transformationsprozesse und nationale Pläne kennen; kleine Fokusgruppen, die Prototypen und Nutzerfreundlichkeit getestet haben; und über fünfzig Anwender aus der Praxis, die uns Rückmeldung zur Bedienbarkeit gaben. Dieser Prozess hat sich über vier Jahre erstreckt.

©PatriciaHaas
Wie soll das Tool konkret eingesetzt werden?
Dr. Bernd Hezel: Es richtet sich an Menschen, die in Städten oder Kommunen Klimaschutzstrategien entwickeln – oft Klimaschutzmanagerinnen und -manager, die alleine verantwortlich sind. Das Tool liefert wissenschaftlich fundierte Klimaaktionspläne, die die Wechselwirkungen zwischen Maßnahmen berücksichtigen und unterschiedliche Schwerpunkte setzen, etwa auf Kosten, Fairness oder Ambition. Wir sehen das Programm als Starthilfe: Es bietet belastbare Optionen, auf deren Grundlage Kommunen gemeinsam mit weiteren Akteuren eigene Strategien entwickeln.
Im Kern geht es also um ein Produkt, das die Implementierung von Klimaschutz auf der Verwaltungsebene stärkt.
Christiane Walter: Ja. Deshalb haben wir drei Städte als Partner im Konsortium: Barcelona, Wien und den Zusammenschluss „MAGGS“ aus drei polnischen Städten. Von ihnen wollten wir lernen, was zu Beginn ihrer Klimaplanung am meisten geholfen hätte. Barcelona und Wien sind Vorreiter mit Erfahrung und europaweit beachteten Modellprojekten. Dieses Wissen nutzen wir.
Ist beim Klimaschutz für Kommunen die Planung das Problem – oder eher die Umsetzung?
Dr. Bernd Hezel: Die Transformation ist auf lokaler Ebene besonders schwierig, weil die Verwaltungskultur disruptive Veränderungen kaum zulässt. Mut wird selten belohnt. Das führt dazu, dass Verantwortliche lieber nichts riskieren. Hinzu kommen Silo-Strukturen, schlecht koordinierte Prozesse und Pseudobeteiligungen, die keinen Rückhalt erzeugen. Verwaltungen blockieren oft mehr, als sie ermöglichen, weil sie in Funktionen gefangen sind. Nötig sind transparente Verfahren und Räume, in denen Verwaltungen experimentieren dürfen.
Christiane Walter: Diese Mentalität führt dann beispielsweise dazu, dass Abteilungen nicht koordiniert arbeiten – manchmal wird dieselbe Straße mehrfach aufgerissen, weil Verkehr, Energie und Wasser nacheinander planen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Deshalb müssen Prozesse effizienter, transparenter und inklusiver werden. Bürger sind mit ihrem Heimatort verbunden. Wenn man ihnen echte Mitgestaltung eröffnet, gewinnt man nicht nur Engagement, sondern auch privates Kapital.
Welche Empfehlungen haben Sie für Verwaltungen, Unternehmen und Initiativen, die Smart Cities gestalten?
Christiane Walter: Verwaltung, Wirtschaft und Politik dürfen nicht getrennt nebeneinander arbeiten – dafür fehlt uns beim Klimaschutz die Zeit. Unklare Signale sind hinderlich, wie die Heizungsdebatte gezeigt hat. Es braucht eine klare, verbindliche Richtung: Das Ziel der Klimaneutralität darf nicht mehr infrage gestellt werden, nur der Weg dorthin. Gleichzeitig reicht Verordnen allein nicht.
Dr. Bernd Hezel: Übertragen auf Smart Cities heißt das: Nur wenn die Bevölkerung früh eingebunden ist und Verantwortung übernimmt, entsteht Verlässlichkeit. Und: Erfolgreich wird es nur, wenn man an bestehende Initiativen und Narrative anknüpft, statt künstliche Strukturen von oben einzuführen. Reiner Aktionismus nach dem Motto ‚Hauptsache etwas gemacht‘ bringt nichts.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) wurde 1992 gegründet und gehört heute zu den führenden Forschungsinstituten im Bereich Klima, Nachhaltigkeit und Transformation. Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über globale und regionale Klimafolgen bereitzustellen und Wege aufzuzeigen.
Die Climate Media Factory wurde 2011 in Potsdam gegründet und verbindet Wissenschaftskommunikation mit Design und Medienproduktion. Ziel ist es, komplexe Forschungsergebnisse zu Klima und Nachhaltigkeit so aufzubereiten, dass sie verständlich, zugänglich und handlungsrelevant werden.