Was ist die Mission von EIT Urban Mobility?
Unsere Aufgabe ist es, die Mobilitätswende in Europas Städten zu beschleunigen. Seit 2019 bringen wir Innovationen gezielt in den urbanen Raum, um lebenswerte Städte zu gestalten. Dafür fördern wir Pilotprojekte, wovon wir bereits über 330 in mehr als 150 Städten umgesetzt haben, engagieren uns in europäischen Initiativen wie den 100 Climate Cities oder dem New European Bauhaus und investieren in marktorientierte Lösungen europäischer Start-ups.

©EIT Urban Mobility
Wie arbeiten Sie mit den Städten zusammen?
Gemeinsam identifizieren wir die zentralen Herausforderungen und bringen über Matchmaking passende Partner zusammen – von Start-ups bis zu international etablierten Unternehmen. Manche Lösungen sind kurzfristig umsetzbar, andere entwickeln wir über bis zu zwei Jahre. Ziel ist stets eine marktreife Lösung, die den Städten echten Mehrwert bietet. Wir fördern allerdings keine Forschung, sondern kommen da ins Spiel, wo die Forschungsprojekte in der Regel aufhören und die Ergebnisse leider häufig in das berühmte Valley of Death fallen. Dieses Tal versuchen wir zu überbrücken.

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Wie finden und unterstützen Sie die Start-ups?
Dafür verfügen wir über einen klaren Kriterienkatalog und unterstützen Start-ups, die unsere Mission der lebenswerteren urbanen Räume teilen und daran arbeiten, neue Märkte aufzubauen. Das heißt, wir vernetzen sie über ganz Europa hinweg, häufig auch mit Städten. Wir binden sie in Projekte ein und verschaffen Sichtbarkeit. Ein besonderes Anliegen ist uns auch die Förderung von Gründerinnen, etwa durch das Projekt Women in Mobility. Zudem bieten wir diverse Trainings – wie etwa in Entrepreneurship – und Masterprogramme für Studenten an. Darüber hinaus gibt es für Doktoranden und Professionals ebenfalls Programme und Fortbildungsmöglichkeiten, auch in Kooperation mit Universitäten wie der TU München und der TU Berlin. Hierbei sind auch die daraus entstehenden Netzwerke und potenzielle Start-ups eine Wertschöpfung.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren?
Die Zusammenarbeit zwischen Verwaltungen und Unternehmen kann kompliziert sein – hier müssen wir teils sehr verschiedene Mindsets zusammenbringen – aber genau das ist unsere Expertise. Hinzu kommen politische Wechsel, bürokratische Prozesse und wechselnde Ansprechpartner. Eine weitere Hürde ist die aktive Bürgerbeteiligung – sie ist entscheidend, aber schwer zu erreichen.
Es geht also auch um Prozessoptimierung?
Wir begleiten Städte und Partner über den gesamten Projektverlauf, etwa bei der Formulierung des Problems und zugehöriger Lösung, entlasten personelle Ressourcen und vereinfachen den Austausch. Unternehmen profitieren zugleich, weil sie durch die Zusammenarbeit die Logik kommunaler Verwaltung besser verstehen. Unterschiede gibt es gerade bei der Geschwindigkeit: Während Firmen meist flexibel entscheiden können, sind Städte oft an komplexe Verfahren gebunden. Selbst nach erfolgreichen Pilotprojekten ist deshalb eine Übernahme der Lösung nicht garantiert.
Welche Bedeutung haben die Bereiche Bau, Energie und Gesundheit für Ihre Arbeit?
Bauwesen und Mobilität sind eng verknüpft, da Fläche in Städten knapp ist. Hier braucht es neue Konzepte, um öffentliche Räume lebenswerter zu gestalten. Mobilität überschneidet sich zudem mit Energie- und Gesundheitsthemen – etwa bei Antrieben oder der Luftqualität. Ziel ist immer, die Lebensqualität für Bürgerinnen und Bürger zu steigern.
Verbesserung der Lebensqualität als Mission?
Ja. Die Herausforderungen von Platzmangel, schlechter Luftqualität oder Verkehr sind in vielen Städten ähnlich. Unsere EU-finanzierten Projekte sollen für die Menschen vor Ort spürbaren Mehrwert schaffen. Zudem legen wir Wert darauf, dass die entwickelten Lösungen europaweit nutzbar sind. Im Mittelpunkt steht die Verbesserung urbaner Lebensverhältnisse.
Neben der Kooperation mit Städten gibt es in Deutschland weitere Verwaltungsebenen. Wie beeinflusst das Ihre Arbeit?
Die Straßenverkehrsordnung wird vom Bund vorgegeben, was den Handlungsspielraum der Städte einschränkt. Dennoch gibt es Möglichkeiten – etwa Geschwindigkeitsbegrenzungen bei hoher Luftbelastung –, wenn Städte entschlossen vorangehen. Insgesamt ist das Zusammenspiel zwischen Kommunen, Bundesländern und Bund durch verschränkte Kompetenzen und Finanzflüsse deutlich komplexer als in anderen Ländern. Wer in Deutschland Projekte anstößt, muss zudem mit mehr Ministerien sprechen als etwa Kolleginnen und Kollegen in Amsterdam. Hinzu kommt der Einfluss der Autoindustrie, die sich mitten in der Transformation befindet und politische Prozesse prägt.
Was würde helfen, um diese Blockaden zu überwinden?
Städte brauchen Führungspersönlichkeiten mit Mut und Durchsetzungsvermögen. Da nationale und lokale Regierungsmehrheiten oft auseinandergehen, sind auch Verbündete wichtig. Wenn Städte Projekte und Lösungen austauschen, kommen sie schneller voran. Städte lernen am besten von anderen Städten. In unserem City Club beispielsweise tauschen sich unsere Gründungsstädte und aktuelle Projektpartner aus. Ergänzend gibt es spezielle Interessengruppen zu Themen wie Logistik, Daten oder Energie, für Experten aus städtischen Organen und Unternehmen.
Wie sieht Ihre Strategie für die nächsten fünf bis zehn Jahre aus?
Unser gesellschaftlicher Auftrag bleibt die Transformation urbaner Mobilität. Die Herausforderung liegt dabei im Skalieren guter Lösungen. Hinzu kommt das politische Thema Bürgerbeteiligung: Ohne Akzeptanz und Engagement der Menschen lassen sich Transformationen schwer umsetzen. Kommunen brauchen Kompetenzen und Fachwissen, um Pilotprojekte lösungsorientiert umzusetzen und die verfügbaren Daten sinnvoll einzusetzen. Unternehmen und Start-ups benötigen hingegen Reallabore, um innovative Lösungen weiterzuentwickeln – so entsteht durch europäische Kooperation eine Win-Win-Situation, von der alle profitieren.
EIT Urban Mobility wurde 2019 als Initiative des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie (EIT), einer Einrichtung der EU, gegründet. Die Aufgabe ist es, den Übergang zu einer nachhaltigen urbanen Mobilität zu beschleunigen, indem etablierten Unternehmen, Start-ups, Universitäten, Forschungsinstituten und dem öffentlichen Sektor Zugang zu Märkten, Talenten, Finanzmitteln und Wissen ermöglicht wird.