Wie würden Sie Smart City definieren?
Smart City ist ein schwieriger Begriff, man kann sich alles oder nichts darunter vorstellen. Der Großraum Stadt umfasst zahlreiche Anwendungsfelder, die sich darunter zusammenfassen lassen. Ich konzentriere mich dabei vor allem auf die Komponenten Infrastruktur und Mobilität. Stadtverwaltungen und Bürger haben unterschiedliche Ansprüche und Ziele: Eine Stadt soll lebenswert sein, eine gute Luftqualität bieten und möglichst wenig Verkehrsstaus aufweisen. Um diese Ziele zu erreichen, bedarf es intelligenter Komponenten – im Verkehrsbereich etwa Leitsysteme und Überwachungstechnologien. Nach meinem Verständnis ist eine intelligente Stadt nicht zwingend eine, die mit Technik überfrachtet wird, sondern eine, die intelligent geplant ist und mit möglichst wenig, aber gezielt eingesetzter Technik auskommt.
Welche Rolle spielt das Thema Smart City für Ihr Unternehmen?
Als Gründungs- und Innovationszentrum will UnternehmerTUM vielversprechende Ideen aus der Wissenschaft in die Praxis überführen. Dazu gehört, passende Mitgründer zusammenzubringen, Zugang zu Risikokapital und Fördermitteln zu schaffen sowie geeignete Kunden für die Ideen von Start-up-Gründern zu identifizieren. Hier liegt auch unsere Verbindung zum Thema Smart City, denn viele dieser Start-ups entwickeln Lösungen für urbane Herausforderungen. Daneben arbeiten wir auch mit Industrie und Wirtschaft zusammen, um Innovationskraft auszubauen.

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Wie kann städtische Infrastruktur resilient gestaltet werden?
Infrastruktur kann auf vielfältige Weise beschädigt oder angegriffen werden. In jüngster Zeit gab es vermehrt Drohnenangriffe, aber auch Brände in Datenkabeln der Deutschen Bahn. Entscheidend ist die Frage, wie sich solche Sabotageakte oder Angriffe vermeiden lassen. Die Antwort liegt in redundanten, störungsresistenten und diversitär ausgelegten Systemen. Deutschland ist in diesem Bereich besser als sein Ruf. Wir verfügen über verschiedene Infrastrukturen: Wenn es auf der Straße nicht funktioniert, kann man auf die Bahn ausweichen. In anderen Ländern fehlen diese Alternativen. Deshalb ist es wichtig, unsere Infrastruktur zu pflegen und sorgsam mit ihr umzugehen.
Wie ist UnternehmerTUM im Infrastrukturbereich aktiv?
Wir unterstützen zahlreiche Start-ups, die sich mit diesen Themen beschäftigen. Ein sehr erfolgreiches Beispiel aus unseren Reihen ist Konux, das sich auf Sensorik und prädiktive Wartung für die Schieneninfrastruktur spezialisiert hat. Das Unternehmen detektiert Fehler, sodass Störungen idealerweise behoben werden können, bevor sie auftreten. Weitere Start-ups überwachen Personenströme und können vor Menschenansammlungen oder Gepäckstaus in Zügen warnen. Wir unterstützen diese Unternehmen mit Kapital sowie Zugang zu Investoren und Kunden und tragen so zur Schaffung resilienter Infrastruktursysteme bei.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen für Start-ups?
Im Vergleich zu den USA oder China ist in Deutschland der Zugang zu Risikokapital schwieriger. Ein weiteres Problem stellt die fragmentierte Rechtslage innerhalb der Europäischen Union dar. Für die Skalierung ist der US-Markt attraktiver, da er einheitlicher und weniger fragmentiert ist. Der Risikokapitalmarkt müsste hierzulande vereinfacht und Handelsbarrieren zwischen den europäischen Ländern abgebaut werden. Zudem ist Europa sprachlich ein heterogeneres Konstrukt als die USA.
Was sind derzeit die größten Herausforderungen bei der Umsetzung von Mobilitätsprojekten?
Wenn ich an Mobilität in Deutschland denke, hängt vieles mit der langsamen Umsetzungsgeschwindigkeit von Infrastrukturprojekten zusammen. Dies ist kein technisches Problem. Vielmehr bremsen juristische und bürokratische Prozesse sowie zu extensive Bürgerbeteiligungsverfahren den Fortschritt erheblich aus. Dabei müssen wir nicht nach China schauen, um zu lernen, wie man Projekte schnell umsetzt – ein Blick in die eigene Vergangenheit genügt: Was lief in den 1960er Jahren bei uns besser? Auch die Umsetzungsgeschwindigkeit von Bahntrassen in Frankreich kann uns als Vorbild dienen. Die Paris-Bordeaux-Strecke mit rund 500 Kilometern Neubau ist ein eindrucksvolles Beispiel.
Welche Lösungen und Ansätze können helfen?
Wir können viel von anderen Regionen und Ländern lernen. Dabei ist nicht alles bei uns schlecht: Wir verfügen über zahlreiche Testfelder für autonomes Fahren, und Gesetzgeber bemühen sich, entsprechende Experimentier- und Pilotprojekte zu ermöglichen. Die Herausforderung liegt jedoch im Übergang zur flächendeckenden Umsetzung, der oft durch erhebliche aufwendige Zulassungsverfahren oder Datenschutzbedenken erschwert wird.
Welche Ansätze würden Projekte am effektivsten voranbringen?
Bereits jetzt wird einiges auf den Weg gebracht: Klagefristen und Zeiträume werden verkürzt, was ein richtiger Schritt ist. Ein weiterer wichtiger Punkt wäre ein ähnliches Verfahren wie in Frankreich: Sobald der volkswirtschaftliche Nutzen eines Projekts festgestellt wird, sollten untergeordnete Organisationen oder staatliche Institutionen nicht mehr in der Lage sein, Projekte durch Klagen zu verzögern.
Wo sehen Sie UnternehmerTUM in den nächsten fünf Jahren?
Für uns ist es entscheidend, die europäische Vernetzung zu stärken, Barrieren zwischen den Ländern abzubauen und uns stärker als europäische Einheit zu verstehen. Wenn ein Investor in ein deutsches Start-up investiert, sollte dieses im Erfolgsfall in ganz Europa aktiv sein können. So würde Europa auch weniger abhängig von den USA werden. Wir müssen dafür sorgen, dass künftige große Unternehmen vermehrt aus Europa kommen. Auch Themen wie Energiewende und Wettbewerbsfähigkeit lassen sich effizienter lösen, wenn wir die europaspezifischen regionalen Stärken nutzen. Zudem bildet die Zusammenarbeit mit großen und mittleren Unternehmen eine wichtige Säule. Wir möchten Unternehmen noch stärker dabei unterstützen, innovativ und wettbewerbsfähig zu sein.
Welche Rolle spielt für Sie die lokale Unterstützung in der Region München?
Neben zahlreichen Partnerschaften mit verschiedenen Unternehmen ist die Landeshauptstadt München ein wichtiger Partner für uns. An vielen Stellen zeigt sich, dass die Stadt gute Arbeit leistet. Wir würden uns manchmal noch mehr Pragmatismus wünschen, aber was Infrastruktur und langfristige Strategien betrifft, sind wir auf einem sehr guten Weg.
Gibt es etwas, was Sie den unterschiedlichen Akteuren im Smart-City-Bereich mitgeben möchten?
Man kann jederzeit mit uns in den Austausch treten. Wir kennen oft mehr Lösungsmöglichkeiten bei Problemen als man erwartet. Wichtig ist, sich die Herausforderungen der verschiedenen Akteure anzuhören. Ganz allgemein würde ich bei den unterschiedlichsten Herausforderungen immer raten, pragmatisch zu bleiben.
UnternehmerTUM ist mit jährlich mehr als 100 wachstumsstarken Technologie-Gründungen das führende Zentrum für Gründung und Innovation in Europa. Die gemeinnützige GmbH wurde 2002 von der Unternehmerin Susanne Klatten ins Leben gerufen.