Anspruch und Wirklichkeit im Mittelstand

Betriebliche Entscheidungen werden selten rein rational getroffen. Persönliche Erfahrungen, Werte und Rollenbilder prägen, was als wichtig wahrgenommen und was als Aufgabe der Unternehmensführung verstanden wird. Das Thema Gesundheit berührt dabei eine Sphäre, die viele noch immer als privat empfinden. Wer die Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen verstehen will, muss deshalb auch die fragen, die darüber entscheiden: die Führungskräfte selbst.

Die Studienergebnisse basieren auf 550 Interviews mit Unternehmensentscheidern aus dem deutschen Mittelstand. Befragt wurden Inhaber, Geschäftsführer sowie Führungskräfte aus HR und Management in Betrieben mit 50 bis 2.000 Mitarbeitenden.

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Mittelstand priorisiert Gesundheit

Für nahezu alle befragten Unternehmensentscheider im Mittelstand sind Kundenzufriedenheit und Qualität die wichtigsten Erfolgsfaktoren. Bemerkenswert ist, wo die Gesundheit der Mitarbeitenden in dieser Rangfolge steht: auf Platz drei, noch vor Innovation, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Gesundheit gilt im Mittelstand als Steuerungsgröße für unternehmerischen Erfolg.

Auffällig ist die Einstufung: 63 Prozent halten Gesundheit für „wichtig“, ohne Einschränkung. Nur Kundenzufriedenheit, Produktqualität sowie Arbeitsschutz und Sicherheit sind aus Sicht der Befragten noch wichtiger. Weitere 31 Prozent bewerten die Gesundheit der Mitarbeitenden mit „eher wichtig“. Diese hohe Bedeutung lässt darauf schließen, dass Gesundheitsmanagement im Mittelstand als Kernkompetenz begriffen wird. Deshalb verwundert es kaum, dass drei Viertel der Befragten angeben, dass das Thema auch bei strategischen Entscheidungen für sie wichtig ist.

Mit Blick auf das Thema Gesundheit stellen die Befragten zudem fest, dass es in den Unternehmen mehr an Bedeutung gewinnt als für sie persönlich. Das ist ein Zeichen, dass das Thema institutionell an Fahrt gewinnt. Dabei ist die Verankerung von Gesundheit im unternehmenseigenen Leitbild nur der erste Schritt. Der zweite Schritt ist schwieriger, denn Gesundheit muss auch im Alltag ankommen. Das bedeutet: Führungskräfte müssen Gesundheit vorleben, Strukturen müssen gesundheitsförderliches Verhalten ermöglichen, und Mitarbeitende müssen spüren, dass Leitbildsätze keine Worthülsen sind.

Wie wichtig sind die folgenden Faktoren für den Erfolg Ihres Unternehmens?; Nennung (eher) wichtig in Prozent der befragten Unternehmensentscheider; n = 550

Rest zu 100 Prozent: eher unentschieden, eher unwichtig, unwichtig und weiß nicht/keine Angaben

Quellen: BARMER, F.A.Z. Business Media | research

Welche der folgenden Gesundheitsangebote macht Ihr Unternehmen den Beschäftigten,
welche sind konkret in Planung?; in Prozent der Befragten; n = 550

1) mindestens alle 1–3 Jahre durchgeführt

Quellen: BARMER, F.A.Z. Business Media | research

Warum gute Absichten nicht reichen

Viele Unternehmen kümmern sich aktiv um die Gesundheit ihrer Belegschaft, schaffen sichtbare Angebote und investieren in konkrete Maßnahmen. Doch was gut gemeint ist, bleibt häufig noch an der Oberfläche. Maßnahmen, die im Wesentlichen keine systematische Planung, kein Fachwissen und keine institutionelle Verankerung erfordern, sind im deutschen Mittelstand weitverbreitet. Viele Unternehmen greifen zwar auf ihre Arbeitsunfähigkeitsdaten zurück und führen Mitarbeiterbefragungen durch. Angebote hingegen, die ein echtes Steuerungssystem erfordern, wie eine datenbasierte Bedarfsanalyse, die systematische Abfrage von Gesundheitsberichten der Krankenkassen oder Suchtprävention, sind aber deutlich seltener.

Fehlende Zeit ist mit Abstand das größte Hindernis für Gesundheitsförderung in Unternehmen. Zeit fehlt vermutlich strukturell, weil sie nicht als Kernprozess gilt, sondern als Zusatzleistung. Und Zusatzleistungen werden zuerst aufgeschoben, wenn das Tagesgeschäft drängt. Kurzfristige Anforderungen im Tagesgeschäft werden sogar als eigener Hemmfaktor explizit genannt.

Dabei zeigt die Erfahrung vieler Unternehmen, dass sich der Aufwand rechnet. Unter jenen Unternehmen, die bereits Gesundheitsangebote machen, überwiegen die positiven Erfahrungen deutlich. Besseres Betriebsklima und höhere Arbeitszufriedenheit stehen ganz oben. Beides sind Faktoren, die zwar schwer zu messen sind, aber für Mitarbeiterbindung und Arbeitgeberattraktivität einen erheblichen strategischen Wert haben. Dass höhere Kosten und gesteigerter Verwaltungsaufwand als negative Begleiterscheinungen ebenfalls genannt werden, überrascht nicht: Wer ohne externe Unterstützung, zum Beispiel durch Krankenkassen, und ohne erprobte Prozesse Gesundheitsmaßnahmen einführt, zahlt in der Regel einen höheren Preis.

Was den Unterschied macht

Im Vergleich zu ihren Kolleginnen haben männliche Führungskräfte fast doppelt so oft schwerwiegende Erkrankungen durchlebt. Man könnte erwarten, dass diese Erfahrung zu einer ausgeprägteren Gesundheitsorientierung in der Führungsrolle führt. Das Gegenteil ist der Fall. Entscheidungsträgerinnen blicken durchweg offener und positiver auf das Thema Gesunde Arbeit.

Das Interesse der Führungskräfte an Gesundheit nimmt nicht einfach mit dem Alter zu oder ab, sondern folgt einer kurvenförmigen Logik: hoch in der Mitte (30 bis 59 Jahre), schwächer an den Rändern. Die 30- bis 39-Jährigen sind am aufgeschlossensten. Die Gruppe der 40- bis 59-Jährigen bewegt sich auf ähnlich hohem Niveau. Dass ausgerechnet diese Altersgruppen – in der Regel erfahrene Führungskräfte in einer aktiven Karrierephase – die größte Offenheit und das höchste Interesse am Thema zeigen, ist eine gute Nachricht.

Blickt man auf Geschlecht und Alter gemeinsam, bestätigt sich das Bild: In Unternehmen mit männlichen, älteren oder jüngeren Führungskräften werden im Durchschnitt weniger Gesundheitsmaßnahmen umgesetzt. Besonders auffällig ist erneut die Gruppe der über 60-Jährigen – mit durchschnittlich 4,23 umgesetzten Maßnahmen liegt sie deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt von 5,46. Die meisten Gesundheitsangebote finden sich in Unternehmen mit Führungskräften zwischen 30 und 39 Jahren: durchschnittlich 5,96 Maßnahmen. Bei weiblichen Führungskräften sind es mit 5,86 nur geringfügig weniger.

Durchschnittlich Anzahl der umgesetzten Gesundheitsangebote für Beschäftigte in den Unternehmen1); in Prozent der Befragten je cluster; n = 550

1)abgefragt wurden elf einzelne Maßnahmen

Quellen: BARMER, F.A.Z. Business Media | research