Herr Professor Straub, zählt Klimaschutz Ihrer Ansicht nach in der aktuellen Zeit wirklich zu den drängendsten Herausforderungen im Gesundheitswesen?
Zweifellos ist das Gesundheitssystem mit großen und drängenden Problemen konfrontiert. Dazu zählen Investitionsrückstände bei der Infrastruktur, strukturelle Unterfinanzierung der GKV, Fachkräftemangel in der Pflege, überfällige Strukturreformen sowie schleppende Digitalisierung, um nur einige zu nennen. Aber wir können die Herausforderungen doch nicht gegeneinander ausspielen. Der Klimawandel stellt ein enormes Gesundheitsrisiko für die Menschen dar, auch unmittelbar in Deutschland. Und das Gesundheitssystem sollte ein besonderes Interesse an gesunden Lebensbedingungen haben. Tatsächlich steht es beim Thema Klimaschutz aber noch ganz am Anfang, trägt jedoch gleichzeitig mit rund fünf Prozent nennenswert zum Treibhausgasausstoß in Deutschland bei.

Welche Rolle spielt das Thema Klimaschutz bei der BARMER? Wir treiben Nachhaltigkeit seit vielen Jahren voran und haben sie organisatorisch und auch strategisch klar verankert. Unsere Strategie orientiert sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Dahinter steht also ein weiter Begriff von Nachhaltigkeit in einem ökologischen, ökonomischen und sozialen Sinn. Eine herausgehobene Stellung für uns hat dabei der Klimaschutz. 2021 konnten wir unseren CO2-Ausstoß bereits um 39 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 reduzieren. Der verbliebene Ausstoß wird durch die Unterstützung klimafreundlicher Projekte kompensiert. Als erste große Krankenkasse arbeiten wir jetzt an allen Standorten klimaneutral. Darauf sind wir sehr stolz. Doch obwohl der ökologische Fußabdruck einer Krankenkasse vergleichsweise klein ist, haben auch wir noch einen weiten Weg vor uns. Das Ziel bleibt, so viel CO2 wie möglich zu reduzieren statt es zu kompensieren.
Was ist aus Ihrer Sicht nötig, um das Gesundheitswesen auf Kurs in Richtung Klimaneutralität zu bringen?
Politik und Selbstverwaltung müssen Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Gesundheitswesen deutlich höher priorisieren, Hürden in der Gesetzgebung beseitigen und gezielt Anreize schaffen. Nachhaltigkeit sollte Grundbedingung des Verwaltungshandelns sein und im Sozialgesetzbuch verankert werden. Das würde es beispielsweise uns als Krankenkasse erleichtern, den Weg zu einem klimaneutralen Gesundheitswesen mitzugestalten. Auch eine konsequente, schnellere Digitalisierung würde das Gesundheitswesen ein deutliches Stück voranbringen. Zugleich brauchen wir eine gemeinsame Agenda, die Leistungserbringende, Kostenträger und Produzenten einbezieht. Denn die Herausforderung der Klimaneutralität lässt sich nur gemeinsam bewältigen.
Das Interview führte Thilo Kampffmeyer.