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Zwischen Hitzewarnung und fehlender Prävention: Gesundheitswesen
vor großen Herausforderungen
Steigende Temperaturen bringen das Gesundheitswesen zunehmend an seine Belastungsgrenzen. Bereits 40 Prozent der Verantwortlichen berichten von spürbaren Auswirkungen durch Hitze und Hitzewellen, wobei Kliniken mit 53 Prozent besonders betroffen sind. Nur ein Drittel der Einrichtungen fühlt sich ausreichend auf extreme Hitze vorbereitet, während viele ohne wirksame Schutzmaßnahmen dastehen – mit teils gravierenden Folgen für Abläufe, Personal und Versorgung.
Das liegt auch an der unzureichenden technischen und organisatorischen Hitzeprävention. Nur gut ein Drittel der Einrichtungen hat Jalousien, Klimaanlagen oder Ventilatoren überprüft oder nachgerüstet. Auch personell ist das Thema schwach verankert: In 13 Prozent der befragten Gesundheitseinrichtungen gibt es einen Hitzeschutzbeauftragten, 17 Prozent planen, die Stelle zu besetzen.
Das überrascht nicht, denn das Thema Hitze wurde erst in den vergangenen Jahren systematisch angegangen. Wie bei der Klimaneutralität erschweren finanzielle Hürden und fehlende verbindliche Vorgaben wirksame Maßnahmen. Dadurch entstehen Lösungen oft nur, wenn engagierte Personen das Thema vorantreiben. So verfügt erst ein Fünftel der Gesundheitsorganisationen über einen Hitzeaktionsplan, 27 Prozent arbeiten an dessen Einführung – obwohl diese Pläne als zentrales Instrument gelten, sind sie bislang nicht gesetzlich vorgeschrieben.
Ihrer Einschätzung nach: Inwieweit ist Ihre Organisation
bereits negativ von Hitze oder Hitzewellen betroffen?; in Prozent der befragten Organisationen; n = 415
Quellen: Barmer, F.A.Z. Institut
Gesundheitssektor versäumt Aufklärung: Menschen zeigen Eigenverantwortung bei Hitze
Patienten und Besucher spüren die mangelnde Hitzeprävention deutlich: 58 Prozent berichten von negativen Auswirkungen in Gesundheitseinrichtungen – dazu zählen hohe Temperaturen (37 Prozent), erschöpftes Personal sowie unzureichende Belüftung oder Kühlung (je rund ein Drittel). Die Belastung wird weiter zunehmen: Fast drei Viertel der Expertinnen und Experten erwarten in den nächsten fünf Jahren eine steigende Hitzebelastung in ihren Einrichtungen, an deren Verschärfung organisationsübergreifend kein Zweifel besteht.
Aufklärung zu Gesundheitsrisiken durch Hitze findet bislang kaum statt: Nur ein Viertel der Einrichtungen thematisiert mögliche Hitzeauswirkungen und Präventionsmaßnahmen. Zudem informieren lediglich 23 Prozent der Kliniken, 21 Prozent der Apotheken und 15 Prozent der Praxen ihre Patientinnen und Patienten über notwendige Medikamentenanpassungen bei Hitze. Das spürt auch die Bevölkerung: Nur 5 Prozent bestätigen, dass ihre Medikation während Hitzeperioden überprüft oder angepasst wird.
Trotzdem geht die Bevölkerung verantwortungsvoll mit dem Thema Hitze um: Rund drei Viertel nehmen amtliche Hitzewarnungen ernst und passen ihr Verhalten entsprechend an. Klassische Massenmedien bleiben zentrale Informationsquellen – 62 Prozent beziehen ihre Hitzeinformationen vorwiegend aus Fernsehen und Radio. Die mediale Informationspolitik zeigt Wirkung: Knapp 80 Prozent fühlen sich gut über hohe Temperaturen und deren gesundheitliche Folgen informiert.
bei 5% der Bevölkerung wurde aufgrund von Hitze die Medikation geprüft oder angepasst.
Welche Maßnahmen ergreifen Sie im Alltag gegen Hitze?; in Prozent der Bevölkerung; n = 1.001
Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut
Hitze als reale Herausforderung: Bevölkerung handelt, Kommunen am Zug
Die Bevölkerung handelt bewusst im Umgang mit Hitze, was auch daran liegt, dass die globale Erwärmung längst als reale Herausforderung im Hier und Jetzt wahrgenommen wird: Drei von vier Menschen berichten von einer Zunahme heißer Tage in den vergangenen Jahren. Vor allem in dicht bebauten Gebieten sind hohe Temperaturen spürbar – besonders betroffen sind dabei Großstädte.
Diese Wahrnehmung und zahlreiche Expertenwarnungen führen dazu, dass sich die Mehrheit der Befragten vor häufigeren und intensiveren Hitzewellen in der Zukunft sorgt. Vor allem die Bewohner städtischer Ballungszentren sind beunruhigt.
Weniger als die Hälfte der Menschen fühlt sich jedoch im Alltag gut oder sehr gut auf hohe Temperaturen vorbereitet. Etwa ein Drittel kommt mit Hitzewellen mal besser, mal schlechter zu recht, während rund 18 Prozent Schwierigkeiten haben, die Belastungen durch die Hitze zu bewältigen. Während Hitzeperioden empfinden 52 Prozent der Bevölkerung die Temperatur in ihrem Zuhause als belastend. Das liegt nicht an fehlenden individuellen Schutzmaßnahmen: Die große Mehrheit der Bevölkerung nutzt im Alltag einfache, aber wirksame Strategien gegen die Hitze. Am häufigsten werden Ernährungs- und Trinkgewohnheiten angepasst und Haus oder Wohnung verdunkelt (jeweils 69 Prozent). Zudem sucht mehr als die Hälfte der Menschen Abkühlung in klimatisierten Räumen oder im Schatten und verwendet Ventilatoren oder Klimaanlagen.
Ein Ansatzpunkt für verbesserten Hitzeschutz liegt in der öffentlichen Infrastruktur: Während individuelle Maßnahmen einfach umsetzbar sind, gelingt umfassender Schutz nur in Verbindung mit hitzeresilienten Lösungen. 51 Prozent der Bevölkerung befürworten kommunale Initiativen wie den Zugang zu kühlen öffentlichen Aufenthaltsräumen oder eine hitzeresiliente Stadtplanung. Diese von der Bevölkerung geforderten Hitzeschutzmaßnahmen finden sich bereits in einigen Kommunen, eine flächendeckende Umsetzung steht jedoch noch aus.
Welche Ideen zum Schutz vor Hitze halten Sie für sinnvoll?; Mehrfachnennungen möglich; in Prozent der Bevölkerung; n = 1.001
Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut
Redaktion:

Thilo Kampffmeyer
Thilo Kampffmeyer ist Senior Redakteur bei F.A.Z. Business Media | research. Er hat empirische Politik- und Sozialwissenschaft an der Universität Stuttgart studiert. Bevor er zum F.A.Z. Fachverlag kam, war er mehrere Jahre in einem Marktforschungsinstitut als Studienleiter tätig.
veröffentlicht: 08.10.2024
zuletzt aktualisiert: 02.04.2026
