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Herr Dr. Albrecht, Deutschland kommt aus einer intensiven Hitzewelle. Medienberichte zeichneten in den vergangenen Wochen ein düsteres Bild von der Hitzevorbereitung deutscher Gesundheitseinrichtungen. Wie hitzeresilient ist das deutsche Gesundheitswesen tatsächlich?
Das Gesundheitswesen als Ganzes ist noch nicht gut aufgestellt, auch wenn wir sehen, dass sich viele Einrichtungen bereits Gedanken dazu machen – und zwar auch schon vor der jüngsten Hitzewelle. Die Belastung in den Rettungsstellen und beim Rettungsdienst steigt in Hitzephasen spürbar. Wenn das Krankenhaus selbst baulich nicht auf hohe Temperaturen ausgelegt ist, lässt sich das kurzfristig nicht beheben. Bei Pflegeeinrichtungen ist die Lage ähnlich. Der Gebäudebestand stammt überwiegend aus einer Zeit, als Hitze noch kein Planungsthema war. Gut aus gestattet sind in der Regel Intensivstationen und Operationssäle; problematisch bleiben Normalstationen, Rettungsstellen und andere weniger belüftete Bereiche. Arztpraxen sind häufig Mieter, dort sind die klimatischen Bedingungen je nach Baustandard ebenfalls nicht optimal.

Woran erkennt man, dass eine Einrichtung Hitzeschutz tatsächlich ernstnimmt?
Ein erstes Indiz ist ein vorhandener Hitzeschutzplan, der gestaffelte Reaktionen auf Warnmeldungen des Deutschen Wetterdienstes vorsieht und auch tatsächlich angewendet wird. Darüber hinaus erkennt man gut aufgestellte Einrichtungen daran, dass sie bei anhaltender Hitze elektive Eingriffe zurückfahren und nicht dringliche Termine konsequent verschieben. Es ist einfach nicht sinnvoll, dass eine ältere Person für eine Routineuntersuchung in der Mittagszeit bei 40 Grad in die Praxis kommt.
Hitzeschutzpläne sind bislang freiwillig. Warum
sind sie nicht verbindlich vorgeschrieben?
Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG) hat gemeinsam mit an deren Akteuren Muster-Hitzeschutzpläne entwickelt und den Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Eine Verpflichtung wäre sinnvoll, im föderalen System aber nicht einfach umzusetzen, weil das Ländersache ist. Ohnehin ist der Einzelplan einer Einrichtung nur bedingt wirksam. Entscheidend ist die Einbettung in die kommunale Hitzeschutzplanung. Nur wenn die verschiedenen Akteure ihre Pläne miteinander verzahnen, lässt sich die Überlastung des Gesundheitswesens durch hitzebedingte Einweisungen wirklich verringern. Wir müssen vulnerable Gruppen vor Hitze schützen. Frankreich macht das bereits sehr erfolgreich. Wasserspender, Informationen an U-Bahnhöfen, Besuchsdienste helfen dort, die Zahl der hitzebedingten Krankenhauseinweisungen merklich zu verringern. Prävention steht im Vordergrund.
Woran scheitert mehr Hitzeschutz im deutschen Gesundheitswesen?
Organisatorisch ist es vor allem eine Frage der Prioritäten und der Schulung. Hier stand vieles aber bislang schlicht nicht oben auf der Agenda. Sobald baulicher Hitzeschutz gefragt ist, das heißt Verschattung, Begrünung und Klimatisierung, wird es finanziell schwierig. Ein Krankenhaus, das im Zuge der laufenden Strukturreform nicht weiß, ob es in zwei Jahren noch existiert, wird an der Stelle nicht investieren. Hinzu kommt, dass Neubauten häufig nach Planungen errichtet werden, die viele Jahre zurückliegen und Hitze noch nicht als Planungsgröße einbezogen haben.
Was empfehlen Sie einer Einrichtung mit begrenzten Ressourcen, die trotzdem schnell vorankommen will?
Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme. Das Gebäude begehen, kritisch warme Bereiche identifizieren, aber auch Zonen, die sich verhältnismäßig gut kühlen lassen und als Ausweichbereiche für vulnerable Patientengruppen dienen können. Dazu gehört, geeignete Pausenräume für das Personal zu finden und die Lagerung hitzesensibler Medikamente zu überprüfen. Auf dieser Grundlage lässt sich ein Hitzeschutzplan mit klaren Verantwortlichkeiten und einer definierten Alarmkette aufbauen. Nicht zu unter schätzen ist dabei die Kommunikation mit den Patienten: Nächtliches Lüften und tagsüber geschlossene Fenster klingt selbstverständlich, er fordert in der Praxis aber aktive Überzeugungsarbeit.
Unsere Bevölkerungsbefragung zeigt, dass zwei Drittel der Menschen vom medizinischen Fachpersonal noch nie konkrete Hinweise zum Umgang mit Hitze erhalten haben. Sehen Sie da tatsächlich Nachholbedarf?
In der Routineberatung spielt das Thema bislang keine systematische Rolle. Es gibt inzwischen aber konkrete Ansätze: Baden-Württemberg hat eine Klimasprechstunde eingeführt, die bei chronisch Erkrankten abrechenbar ist; die Kassenärztliche Vereinigung Bayern verfolgt ein ähnliches Modell. In Krankenhäusern ist der Nachholbedarf besonders groß – gerade was den Umgang mit Medikamenten und Flüssigkeitszufuhr betrifft. Ein pauschaler Rat wie „trink einfach mehr“ kann bei bestimmten Erkrankungen sogar kontraproduktiv sein. Beratung zu Hitze ist also nicht nur ausbaufähig, sondern muss auch gezielter werden.
Unsere Befragung zeigt zudem, dass das Zusammenspiel von Hitze und Medikation in der Versorgung noch unterbelichtet ist.
So ist es. Mit der Heidelberger Liste und einer aktuellen Publikation der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin gibt es inzwischen gute Orientierungshilfen, die auf besonders kritische Medikamentengruppen hinweisen. Parkinson-Medikamente etwa können bei Hitze ihre Wirkung verändern oder ganz verlieren; Ähnliches gilt für eine Reihe von Psychopharmaka. Apotheken sind hier eine unterschätzte Ressource, sie verfügen über das nötige Wissen. Dieses Wissen gehört aber auch in die Ausbildung von Pflege und Ärzteschaft, in die Facharztweiterbildung und in die Fortbildungsprogramme.
Sie haben angedeutet, dass effektiver Hitzeschutz ein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Bund, Ländern und Kommunen erfordert. Wie müsste dieses System aus sehen?
Primär sind die Kommunen gefragt, weil sie die unmittelbare Verantwortung für den Katastrophenschutz tragen. Das Geld muss aber vom Bund kommen – und da wird im Moment der Schwarze Peter hin- und hergeschoben. Die kommunalen Hitzeschutzpläne sind in Qualität und Umsetzungsstand sehr unterschiedlich. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz hat das Thema aber in zwischen aufgenommen. Im Herbst 2026 findet erstmals eine länderübergreifende Katastrophenschutzübung mit Hitze als Planszenario statt. Aber Übungen allein reichen nicht. Kommunen müssen kühle Räume vorhalten und Notlagerstätten für Menschen einrichten – wie es zuletzt in Köln der Fall war.
Klimaneutralität und Hitzeresilienz werden häufig noch als zwei separate Aspekte behandelt. Sind sie das tatsächlich?
Für uns bei KLUG natürlich nicht. Das wäre so, als würde man dauerhaft nur Symptome bekämpfen, ohne an die Ursache heranzugehen. In der Medizin ist das immer ein Fehler. Je mehr wir für den Klimaschutz tun, desto geringer werden die Folgen des Klimawandels. Wer den Klimaschutz außen vor lässt, läuft den Entwicklungen dauerhaft hinterher. Dabei muss man aufpassen, dass Anpassungsmaßnahmen nicht selbst zum Problem werden: Wenn wir flächendeckend stromfressende Klimaanlagen betreiben, die mit fossilem Strom versorgt werden, befeuern wir den Klimawandel weiter. Klimaresilienz und Klimaschutz müssen zusammen gedacht werden. Der Begriff Klimaschutz ist politisch und gesellschaftlich in den vergangenen Jahren zunehmend unter Druck geraten, und auch die aktuelle Bundesregierung tut sich damit schwer. Klimaresilienz ist deshalb im Moment wahrscheinlich das wirksamere Wort.
Sie bauen bei KLUG ein Kompetenzzentrum für klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen auf. Was steckt in diesem Begriff konkret drin?
Zum einen die Senkung des CO2-Fußabdrucks, denn Krankenhäuser sind große Energie-, Material- und Ressourcenverbraucher, und es gibt erhebliche Potentiale, ihre Klimawirkung zu reduzieren. Zum anderen Resilienz im Sinne von Krisen und Extremwetterfähigkeit. Wer eigene Solaranlagen betreibt, ist bei einem Stromausfall weniger verletzlich. Wer auf Mehrwegprodukte setzt, ist unabhängiger von Lieferkettenunterbrechungen. Wir versuchen, Einrichtungen untereinander in den Dialog zu bringen, Best-Practice-Beispiele zugänglich zu machen und Impulse zu setzen.
Unser Klimaschutzindex erhebt seit 2022 die Einschätzungen von Akteuren aus dem Gesundheitssektor, und die Urteile sind regelmäßig ernüchternd: Die Fortschritte gelten als gering. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ich würde es nicht ganz so negativ formulieren. In unserem Netzwerk haben sich inzwischen mehrere Hundert Einrichtungen auf den Weg gemacht und erzielen messbare Fortschritte. Aber die strukturellen Grenzen sind real: Das steigende Leistungsvolumen, neue energieintensive Geräte und die Abhängigkeit von der gesamtwirtschaftlichen Energiewende machen es oft schon schwer, den Status quo zu halten. Bei Verbrauchsmaterialien und Arzneimitteln fehlen zudem noch belastbare Daten, um wirklich fundierte Beschaffungsentscheidungen treffen zu können. Das Gesundheitswesen war lange von regulatorischen Vorgaben ausgenommen, das rächt sich jetzt.
Warum kommt die Transformation so langsam voran? Der Investitionsstau allein erklärt das kaum.
Ein wesentlicher Faktor ist fehlende Regulatorik. In Deutschland gibt es keine Pflicht für Krankenhäuser, ihren CO2-Fußabdruck zu er fassen. Wer keine Baseline kennt, kann kaum sinnvoll steuern. Würde man das einführen und regelmäßig fragen, welche Maßnahmen ergriffen wurden, würde sich auch etwas bewegen. Darüber hinaus fehlt Nachhaltigkeit als Kriterium im Sozialgesetzbuch. Darüber hinaus fehlt Nachhaltigkeit als Kriterium im Sozialgesetzbuch. Wer nur nach Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit handeln muss, hat wenig Spielraum, bei Ausschreibungen ökologische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Das zu ändern, würde nicht nur den Einrichtungen neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen, sondern auch Krankenkassen und anderen Akteuren ganz andere Anreize setzen.
Trifft man in den Einrichtungen auch auf Widerstände?
Der Widerstand speist sich oft aus einem Denkfehler: der Vorstellung, man müsse zugunsten des Klimas auf Versorgungsqualität verzichten. Das Gegenteil ist der Fall. Ein Beispiel: Bei der Behandlung von Asthma und COPD gibt es Dosieraerosole mit klimaschädlichen Treibmitteln – und dieselben Wirkstoffe als Pulverinhalatoren mit quasi keiner Klimawirkung. In Deutschland werden rund 80 Prozent dieser Therapien mit Dosieraerosolen durchgeführt, in Schweden sind es 20 bis 30 Prozent. Die Krankheitslast ist in Schweden nicht höher. Das Argument, fehlende Finanzmittel stünden einem ernsthaften Engagement entgegen, halte ich für bequem. Die wirtschaftlichen Schäden durch Hitzeereignisse und Extremwetter über steigen die Kosten präventiver Maßnahmen bei weitem. Wer jetzt nichts tut, zahlt später deutlich mehr.
Welche Rolle sollte die Ärzteschaft bei der nachhaltigen Transformation spielen?
In den medizinischen Fachgesellschaften ist inzwischen angekommen, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine Frage der Energieversorgung ist, sondern die Art betrifft, wie Medizin praktiziert wird. Bei der Überarbeitung von Leitlinien wird zunehmend auch die Umweltwirkung berücksichtigt. Auch in der Aus- und Weiterbildung tut sich mehr als früher: Es gibt Kursangebote für Pflege schulen und medizinische Fachangestellte, auf Kongressen finden sich mehr Beiträge zu dem Thema, und der Deutsche Ärztetag sowie der Deutsche Pflegetag haben Beschlüsse zur Integration in die Curricula gefasst. Bis das flächendeckend umgesetzt ist, wird es noch dauern.
Das Bild, das wir heute gezeichnet haben, ist insgesamt nüchtern. Was macht Ihnen trotzdem Mut?
Die Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, sind in ihrer großen Mehrheit aus einer Haltung heraus in diesen Beruf gegangen: Leid lindern, Gesundheit schützen. Wenn sie verstehen, dass Klimaschutz kein Zusatzthema ist, sondern genau das unterstützt, dann sind das keine schwierigen Überzeugungsgespräche. Einzelne Einrichtungen sind da bereits viel weiter, als die Politik es wahrnimmt. Was fehlt, ist die politische Flankierung. Wenn die kommt, kann das eine andere Dynamik entwickeln.
Gibt es eine zentrale Botschaft, die Sie der Studie mitgeben wollen?
Dass Klimaschutz und Gesundheitsschutz kein Widerspruch sind – sondern dasselbe. Wer seine Patienten gut versorgt, schonend mit Ressourcen umgeht und Prävention ernstnimmt, schützt sowohl die Gesundheit als auch das Klima. Das Krankenhaus ist immer nur der Endpunkt – Gesundheit entsteht vor her. Und die Häuser, die in den vergangenen Jahren in Photovoltaik, energieeffiziente Geräte und klimafreundliche Prozesse investiert haben, merken das gerade: Sie sind deutlich widerstandsfähiger. Die, die nichts getan haben, schreien jetzt am lautesten. Das sollte politisch nicht vergessen werden – gerade jetzt, im Zuge der Krankenhausreform, wo Standorte wegfallen werden. Man muss darauf achten, dass am Ende nicht die Dreckigsten übrig bleiben.
Das Interview führte Jacqueline Preußer.
Zur Person:

Dr. Matthias Albrecht
Matthias Albrecht ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Geschäftsführer bei KLUG, wo er den Aufbau eines Kompetenzzentrums für klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen verantwortet. Zuvor leitete er 15 Jahre das Evangelische Krankenhaus Hubertus in Berlin – das erste vom BUND zertifizierte Krankenhaus Deutschlands. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Klimawandel“ der Bundesärztekammer.
veröffentlicht: 03.08.2026
zuletzt aktualisiert: 03.08.2026