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Frau Blum, Nachhaltigkeit und Klimaneutralität haben zuletzt in der öffentlichen Wahrnehmung an Momentum eingebüßt. Was bedeutet das für die Transformation des Gesundheitssektors?
Vor allem Unsicherheit. Der Sektor ist im Vergleich zu Industrie oder Energiewirtschaft spät gestartet. Dann kam Schwung auf – bis neue politische Diskussionen und geänderte EU-Vorgaben der Transformation wieder den Boden entzogen haben. Vorgaben wurden abgeschwächt, Zeitpläne verschoben. Viele Akteure fragen nun: Machen wir weiter? Ist das noch relevant?

Warum war der Gesundheitssektor so spät dran?
Weil andere Bereiche im öffentlichen Diskurs dominierten: Energie, Mobilität, Ernährung. Da gab es klare Anknüpfungspunkte – grüner Strom, Debatten ums persönliche Verhalten. Beim Gesundheitssektor gibt es dagegen weniger individuelle Handlungsmöglichkeiten. Spannend ist hier die größere Frage: Warum hat es nie eine Klimaschutz-Gesundheitspolitik gegeben? Eigentlich müsste Klimaneutralität in alle Ressorts übersetzt werden. Für die Gesundheitspolitik hieße das: Strategien entwickeln, ein Narrativ schaffen, die Rolle des Sektors klar benennen. Das ist lange ausgeblieben.
Hier setzen Sie mit Ihrer Arbeit an.
Mit unserer Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen machen wir sichtbar, wie eng Klima und Gesundheit verknüpft sind, um Menschen für Klimaschutz zu motivieren. Das ist zuletzt schwieriger geworden – auch wegen der Enttäuschung vieler Akteure, die in Vorleistung gegangen sind und jetzt das Gefühl haben, ihr Einsatz werde nicht ausreichend gewürdigt.
Das ist also eine kommunikative Herausforderung. Wie gehen Sie diese an?
Wir zeigen, dass Klimaschutz ein Teil der großen Aufgabe ist, planetare Gesundheit zu schützen. Damit lassen sich viele verschiedene Gruppen erreichen – nicht nur klassische Klimaaktivisten. Planetare Gesundheit ist die Grundlage für unsere eigene Gesundheit, für Sicherheit und Wohlstand. Manche gesellschaftlichen Gruppen haben diese Verknüpfungen inzwischen verinnerlicht. Gleichzeitig gibt es aber eine skeptische Mitte. Dort sah es zeitweise so aus, als nehme man das Thema zunehmend ernst, doch jetzt zieht sich diese Gruppe wieder zurück und fühlt sich in ihrer Skepsis bestätigt: Vielleicht war das alles zu schnell, zu viel, vielleicht sogar unnötig. In der Kommunikationsarbeit geht es dann auch darum, Zuversicht zu bewahren und deutlich zu machen: Diese Themen sind weiterhin relevant. Der einzige Weg, das zu vermitteln, ist, diese große Geschichte immer wieder an den Alltag der Menschen anzudocken – aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit Bezug auf das, was sie direkt betrifft. Darum arbeiten wir verstärkt an Fragen wie: Welche Botschaften überzeugen? Welche Werte öffnen Türen, damit wir diese Gruppe nicht verlieren?
Geben Sie uns ein Beispiel.
Klimaresilienz gewinnt zunehmend an Bedeutung. Häufig wird sie mit Hitzeschutz assoziiert, doch sie umfasst weit mehr – von Klimaschutz über Prävention bis zum Katastrophenschutz. Da Sicherheitsfragen gesellschaftlich aktuell besonders präsent sind, bietet Klimaresilienz einen kraftvollen Rahmen, um Klima- und Gesundheitsthemen neu zu denken. Das Resilienzgutachten des Sachverständigenrats untermauert diesen Ansatz. Manche unserer Gesprächspartner ordnen ihre Arbeit mittlerweile bewusst unter dem Label Resilienz statt Klimaschutz ein.
Im Gesundheitssektor gibt es also nach
wie vor kein kollektives Bewusstsein für Nachhaltigkeit?
Zumindest wächst das Bewusstsein deutlich. Im Vergleich zu 2019 oder früher können wir heute durchaus von einem kollektiven Bewusstsein sprechen. Die enge Verbindung von Klima und Gesundheit ist heute klarer als früher. Wenn es um echte Nachhaltigkeit und Klimaneutralität geht, wird es schwieriger. Konzeptionell wurde viel erreicht: Begriffe wie planetare Gesundheit und eine erweiterte Nachhaltigkeitsdebatte, die Klimaschutz mit Prävention und Strukturveränderungen verbindet, haben Einzug gefunden. Neu hinzugekommen ist die Idee der Klimaresilienz – ein widerstandsfähiges Gesundheitssystem. All diese Verknüpfungen erschließen Zielgruppen, die man mit Klimaschutz allein nicht erreicht.
Sie sagen, das Bewusstsein wächst. Aber unsere Befragungsergebnisse zeigen: Wenn es um konkrete Klimaschutzmaßnahmen geht, herrscht Stagnation. Warum?
Die Transformation fällt in eine Phase, in der das Gesundheitssystem ohnehin tief in der Krise steckt – finanziell und strukturell. Das erschwert zusätzliche Investitionen in den Klimaschutz. Gleichzeitig hat die Politik das entstandene Momentum nicht genutzt, um klare Pläne und Förderstrukturen aufzusetzen. So stoßen Einrichtungen sofort auf Zielkonflikte – zwischen strengen Hygieneanforderungen und Ressourcenschonung oder bei Investitionen, die zwar langfristig sinnvoll wären, aber angesichts knapper Mittel nicht auf die Prioritätenliste kommen. Selbst einfache, rentable Maßnahmen bleiben deshalb manchmal liegen. Ohne ein klares politisches Signal bleibt die Transformation deshalb blockiert.
Ist der klimaneutrale Gesundheitssektor vor diesem Hintergrund ein realistisches Ziel?
Das hängt stark von den großen gesundheitspolitischen Weichenstellungen der nächsten Jahre ab: Geht man wirklich an grundlegende Strukturreformen heran? Was passiert mit der Klinikreform? Wird Prävention endlich systematisch gestärkt? Welche Steuerungsinstrumente, etwa ein Primärarztsystem, werden umgesetzt? Entscheidend wird sein, ob die Gesundheitspolitik den Mut hat, diese großen Fragen wirklich ganzheitlich anzugehen – und ob Nachhaltigkeit und Ökologie dabei von Anfang an mitgedacht werden. Wenn das geschieht, wäre sehr viel möglich. Ob es tatsächlich so kommt, lässt sich im Moment überhaupt nicht einschätzen. Klar ist: Die Klimakrise verschwindet nicht. Wir sehen ständig neue Extremereignisse – wie zuletzt die Brände in Europa. Hierzulande rauschen die Bilder oft nur nebenbei in den Nachrichten durch, während man gleichzeitig über den schlechten Sommer klagt. Wenn aber die Dramatik allen vor Augen steht, kann Veränderung sehr schnell gehen. Es fehlt nicht an Lösungen, sondern an deren Umsetzung – wenn der Druck groß genug wird, sind wir zu raschem Handeln fähig.
Stichwort: Extremwetterereignisse. Unsere Befragung zeigt beim Thema Hitze ein ähnliches Muster wie bei der Klimaneutralität: Der Gesundheitssektor nimmt Hitze inzwischen als Belastungsfaktor wahr. Doch bei Prävention und Anpassung passiert wenig. Warum?
Wie bei der Klimaneutralität geht es auch beim Hitzeschutz meist um Investitionen – und die Mittel sind knapp. Schon die Frage, ob ein Gebäude eher in Hitzeschutz oder in klimaneutrale Maßnahmen investieren soll, zeigt das Dilemma. Es fehlt oft auch an gezielter Förderung und am Wissen, wie bestehende Programme genutzt werden können. Pflegeeinrichtungen haben erst vor wenigen Jahren begonnen, strukturiert über Hitze zu sprechen – und deshalb kommen viele Einrichtungen erst jetzt ins Handeln. Spannend ist: Resilienz – egal ob Klima- oder Hitzeresilienz – findet bei Gesundheitsberufen mehr Akzeptanz als das abstrakte Ziel Klimaneutralität. Wenn Hitze die Bewohner oder Patienten akut gefährdet, ist sofort klar, dass man handeln muss. Dieser direkte Bezug überzeugt schneller als die abstrakte Erkenntnis, dass Klimaschutz eines Tages die Gesundheit verbessert.
Ohne diese Erkenntnis wird die Transformation aber nicht gelingen.
Beim Thema Hitze wird man ohnehin handeln müssen – denn es ist die Pflicht jedes Gesundheitsversorgers, die Gesundheit der betreuten Menschen zu schützen. Deshalb kommt hier zwangsläufig schneller Bewegung ins System. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, dabei die Klimaneutralität aus dem Blick zu verlieren. Die Klimaanpassung darf den Klimaschutz nicht aus dem Diskurs verdrängen. Es geht um die Verbindung beider Themen: Anpassung ist dringend und greifbar, aber die Botschaft muss immer lauten: Der beste Hitzeschutz ist nicht nur ein Sonnensegel, sondern echte Klimaneutralität. Überzeugende Lösungen gibt es bereits in beiden Bereichen. Um sie sichtbar zu machen, verleihen wir gemeinsam mit der BARMER und der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis seit 2024 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Gesundheit.
Die Verantwortung des Staates klang schon mehrfach an. Lassen Bund, Länder und Kommunen den Gesundheitssektor hier im Stich?
Das Hauptproblem ist der Flickenteppich. Es gibt zwar Landesinitiativen und Bundesprogramme, teils auch Mittel für Kliniken und Pflegeheime. Aber was fehlt, ist ein Gesamtplan – mit klarer Orientierung: Was könnt ihr tun? Was müsst ihr tun? Wie wird das unterstützt? Ganz allein gelassen sind die Einrichtungen nicht, doch sie müssen sich oft selbst zurechtfinden. Es mangelt an klarer Unterstützung und Zielvorgaben von oben. Am Ende hängt vieles von engagierten Einzelpersonen ab – einem Vorstand, der das Thema wichtig findet und jemanden dafür einstellt. Fehlt dieser Impuls, passiert häufig gar nichts, nicht einmal Maßnahmen im Eigeninteresse.
… wie der bisherige Umgang mit Hitzeaktionsplänen zeigt.
Ja, das ist ein typisches Beispiel. Vorlagen und Musterpläne gibt es seit Jahren, auch engagierte Akteure vor Ort. Aber durch Personalmangel, knappe Ressourcen und fehlendes Know-how wurden sie nie breit umgesetzt. Der erste Hitzeschutzplan auf Bundesebene 2023 war eher eine Sammlung von Empfehlungen – Hitzeschutz sei eben Aufgabe der Länder und Kommunen. Es braucht aber klare Verantwortlichkeiten, verbindliche Vorgaben und Unterstützung. Sonst bleiben die Pläne reine Theorie.
Bleiben wir beim Thema Verantwortung: Drei Viertel der Bevölkerung sagen, sie hätten in den vergangenen Jahren keinerlei Hinweise von Ärzten oder Pflegekräften zum Thema Hitze und Gesundheit erhalten. Macht es sich das Gesundheitswesen hier zu einfach?
„Das Gesundheitswesen“ ist riesig – bis neue Themen im Patientengespräch ankommen, ist es ein weiter Weg. Sicher kommen Klima- und Hitze in Aus- und Weiterbildung noch zu selten vor. Und auch wenn Fachgesellschaften, Krankenkassen oder große Kliniken diese Themen inzwischen aufgreifen, sind sie noch nicht in der einzelnen Arztpraxis angekommen. Wir müssen Menschen, die täglich in Gesundheitsberufen arbeiten, von der Bedeutung überzeugen und dabei an einer besseren Situation für unser Gesundheitssystem arbeiten. Denn auch wenn das Management Klima- und Hitzeschutz will, letztlich braucht auch die Pflegekraft am Bett Kapazitäten dafür.
Da ist sie wieder, die Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Handeln.
Die Lücke zwischen Strategie und Alltagspraxis ist auch bei der Hitzekommunikation an die Bevölkerung ein großes Hindernis. Für eine bessere Ansprache fehlt auch häufig ein konkreter Handlungsimpuls. Oftmals wird nur geraten, mehr zu trinken oder kühle Räume aufzusuchen – reicht das als Aufruf? Wichtig wäre eine gezielte Kommunikation: Wer ist besonders betroffen, wo muss angesetzt werden, und wie erreicht man diese Gruppen? Ohne das droht das Thema verharmlost zu werden. In Frankreich gibt es zum Beispiel Hitze-Telefonketten, um ältere, alleinlebende Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen. Diese Ansätze sind hierzulande kaum bekannt. Aber auch Hitzeschutzmaßnahmen in der Infrastruktur können ein positives Beispiel sein: Trinkbrunnen, Schattenplätze und Begrünungen sind für die Menschen unmittelbar in ihrem Alltag erlebbar und werden geschätzt.
Das Interview führten Hannah Fritsch und Thilo Kampffmeyer.
Zur Person:

Kerstin Blum
Kerstin Blum ist Geschäftsführerin der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen (GEGM) und Senior Project Manager bei den BrückenKöpfen. Sie ist über 20 Jahre im gesundheitspolitischen Umfeld tätig und verantwortet den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Gesundheit, den GEGM gemeinsam mit der BARMER und der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis verleiht.
veröffentlicht: 03.09.2025
zuletzt aktualisiert: 01.04.2026