Viele reden über „Smart City“. Was bedeutet der Begriff für Sie?
Für mich geht es bei dem Thema nicht nur um Technologie, sondern darum, das Zusammenleben in einer Stadt möglichst intelligent zu gestalten. Natürlich nutzen wir digitale Tools, etwa Künstliche Intelligenz oder Sensorik, aber diese Dinge sollten nicht im Vordergrund stehen. Am Ende kommt es darauf an, dass die Bürger in ihrem Alltag merken, dass eine bestimmte Dienstleistung der Stadt unkompliziert und gut funktioniert. Technologie ist dann am besten, wenn sie gar nicht auffällt.
Wie gehen Sie konkret vor, um die Stadt smarter zu machen?
Gemeinsam mit meinem Team unterstütze ich Start-ups und Unternehmen dabei, neue Ideen umzusetzen und zu wachsen. Ein Schwerpunkt liegt auf Smart-City-Lösungen, die das Leben der Bürger verbessern und Tallinn als Standort attraktiver machen. Wir verstehen uns auch als Inkubator. Neue Technologien sollen nicht nur ausprobiert, sondern in den Alltag integriert werden.

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Mit wem arbeitet Tallinn im Bereich Digitalisierung zusammen?
Es gibt ein starkes Netzwerk aus Universitäten – die Technische Universität, die Universität Tallinn und die Kunstakademie. Sie bringen technologische, soziale und künstlerische Perspektiven ein. Hinzu kommen Wirtschaftsverbände, Unternehmen und Start-ups, die etwa im Wissenschaftspark Tehnopol angesiedelt sind. Gemeinsam mit der Verwaltung und der Zivilgesellschaft bilden wir gewissermaßen ein Ökosystem: Verwaltung, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft ziehen an einem Strang.
Wie binden Sie die Bürger konkret ein?
Das ist wohl unsere größte Herausforderung. Viele Bürger blicken zuerst skeptisch auf unsere Projekte. Was sich in der Praxis bewährt hat, ist unser Bürgerhaushalt: Jeder kann Ideen für seinen Bezirk einbringen, die besten werden zur Abstimmung gestellt, das Siegerprojekt wird dann mit Geldern der Stadt umgesetzt. Außerdem versuchen wir, Dienstleistungen konsequent kundenorientiert zu gestalten. Wir sehen Bürger nicht einfach als Einwohner, sondern als Kunden, für die wir Lösungen entwickeln.
Was meinen Sie damit genau?
Rund 90 Prozent aller Behördengänge können in Tallinn schon jetzt digital erledigt werden. Wir setzen bei allem, was wir tun, stark auf den Gedanken der Proaktivität: Wenn wir aus staatlichen Registern wissen, dass ein Kind eingeschult wird, erhält die Familie automatisch eine kleine Unterstützung. Wenn jemand stirbt, helfen wir den Hinterbliebenen bei den Bestattungskosten, ohne dass die Angehörigen Formulare ausfüllen müssen. Nur die Kontonummer müssen die Familien noch selbst angeben. Eine solche Herangehensweise spart enorm viel Zeit und Stress.
Wo liegen dabei die größten Schwierigkeiten?
Ganz klar beim Datenschutz und den rechtlichen Vorgaben. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ist an sich eine gute Sache. Sie erschwert Innovation aber manchmal erheblich. Sobald etwa eine neue Kamera oder ein Sensor auf der Straße auftaucht, entstehen sofort Diskussionen. Die Menschen haben Angst davor, überwacht zu werden. Viele Projekte geraten so ins Stocken. Meiner Meinung nach brauchen wir Regeln, die Innovation ermöglichen, statt Innovation zu verhindern. Trotzdem sind wir im Vergleich mit anderen europäischen Ländern flexibel. Programme wie „Accelerate Estonia“ haben uns ermöglicht, schon sehr früh autonome Lieferroboter in der Stadt einzusetzen.
Spüren Sie in der Bevölkerung Widerstände?
Der Widerstand ist eher gering. Die Esten sind technikaffin, viele Dienstleistungen laufen ohnehin über das Smartphone. Menschen, die noch Briefe schreiben oder Faxe verschicken, sind bei uns die absolute Ausnahme. Die meisten Esten haben eine hohe digitale Kompetenz. Die größte Herausforderung besteht darin, ältere Menschen mitzunehmen.
Ist Tallinn schon voll digitalisiert?
Fast. Lange Zeit waren nur Heirat und Scheidung nicht digital möglich – inzwischen geht aber auch das. Wir stehen an dem Punkt, an dem es nicht mehr um die Grundlagen geht, sondern um Themen wie Künstliche Intelligenz oder andere Technologien, die die städtischen Angebote noch smarter und nutzerfreundlicher machen.
Welche konkreten Prioritäten verfolgen Sie in den nächsten Jahren?
Wir haben keine klassische Smart-City-Strategie, sondern eine Entwicklungsstrategie bis 2035. Ziel ist es, Tallinn lebenswerter zu machen. Dazu gehört ein offener Umgang mit Daten. Alles, was wir an Datenmaterial aus dem Energie- oder Verkehrsbereich oder zur Luftqualität haben, soll für Unternehmen, Forscher und Bürger zugänglich sein. So wollen wir Transparenz, Innovation und Nachhaltigkeit fördern.
Wo sehen Sie Herausforderungen?
Innerhalb der Verwaltung selbst. Smart-City-Projekte gelingen nur, wenn alle Abteilungen zusammenarbeiten. In den Verwaltungen gibt es aber oft noch Silos: Manche Abteilungen sind offen für Innovationen und Pilotprojekte, andere sind das nicht. Die Stadt Helsinki hat uns gute Impulse mit auf den Weg gegeben: Dort gibt es „Innovationsagenten“ in den Fachabteilungen der Stadtverwaltung, die Veränderungen gezielt vorantreiben. So etwas brauchen wir auch.
Wenn wir zum Schluss nach Ihren Plänen für die Zukunft fragen: Was ist Tallinns Vorstellung einer Smart City?
Eigentlich sollten wir gar nicht von „Smart City“ sprechen. Städte sind nie „dumm“. Sie sind einfach Städte – und es geht darum, sie lebenswert zu machen. Smart bedeutet für mich: serviceorientiert. Wenn die Bürger glücklich sind, sich wohlfühlen und Technologien ihnen das Leben erleichtern, dann haben wir alles richtig gemacht.