Wie hat sich das Verständnis einer „smarten Stadt“ im Laufe der Zeit verändert?
Cornelia Dinca: Ich war neun Jahre im Programm Amsterdam Smart City tätig, das 2009 mit EU-Fördermitteln begann. Im Fokus standen damals intelligente Energie- und Stromnetze. Es ging viel um den Einsatz von Smart Metern und Apps, die die Menschen auf spielerische Art und Weise zum Energiesparen animieren sollten. Diese Pilotprojekte erzielten einige messbare Erfolge, vor allem aber gelang es, das Thema in der Öffentlichkeit stark zu positionieren. Nach Auslaufen der EU-Förderung wurde das Modell als öffentlich-private Partnerschaft weitergeführt, unter Beteiligung der Stadt Amsterdam, Energieversorgern und weiteren Partnern. Heute firmiert es unter „Innovation Lab of Amsterdam Economic Board“.

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Wie definieren Sie den Begriff Smart City?
Tom van Arman: Smart City ist für mich kein reines Technikthema. Es geht weit darüber hinaus. Als ich vor 15 Jahren anfing, mich mit Smart City zu beschäftigen, standen Apps, APIs und Sensoren im Vordergrund. Aber am Ende kommt es darauf an, ob es in einer Stadt weniger Lärm gibt, die Luftqualität sich verbessert hat und die Fahrt mit Bus und Bahn angenehmer geworden ist – messbar und konkret. Kurz gesagt, ist eine smarte Stadt für mich eine lebenswerte Stadt.
Cornelia Dinca: Ich sehe es ähnlich: Smart City bedeutet kollektive Intelligenz. Verwaltung, Bürger, Unternehmen und Wissenschaft bringen ihr Wissen zusammen. Die eingesetzte Technologie ist dabei nur das Werkzeug, um diesen Prozess zu unterstützen.

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Amsterdam gilt als Smart-City-Pionier. Welche Lerneffekte gab es in den vergangenen Jahren?
Cornelia Dinca: Vor 15 Jahren galt Smart City gewissermaßen als Zukunftsversprechen. Es herrschte der Glaube vor, dass Technologie alle Probleme lösen kann. Einige Pilotprojekte funktionierten sehr gut, viele aber auch nicht. Der größte Lerneffekt besteht für mich in der Erkenntnis, dass es entscheidend darauf ankommt, die Bürger mit ins Boot zu holen und dauerhaft zu beteiligen. Das funktioniert sehr gut über Living Labs.
Tom van Arman: Ich sehe es auch so: Living Labs sind entscheidend. Sie sind geschützte Testzonen, in denen man Innovationen gemeinsam mit den Bürgern ausprobieren kann. Im ehemaligen Marinehafen erproben wir neue Technologien, von Drohnen über Robotik bis hin zu grüner Mobilität. Aber auch an anderen Orten in der gesamten Stadt sammeln wir für uns relevante Daten. All das ist nur in geschützten, aber realen öffentlichen Räumen möglich.
Gab es auf dem Weg zur Smart City auch Rückschläge?
Cornelia Dinca: Ja, das größte Problem war die Finanzierung unserer Projekte im Vier-Jahres-Rhythmus. Nach jeder Runde mussten wir aufs Neue unter Beweis stellen, welche Erfolge unsere Projekte erzielt haben. 15 Jahre lang hat das gut funktioniert, aber irgendwann ließ sich die Finanzierung nicht mehr sichern. Das hat auch damit zu tun, dass der Begriff Smart City an Strahlkraft verloren hat. Er wird inzwischen zu sehr mit Big Tech und Überwachung assoziiert. Das hat Vertrauen gekostet, trotz vieler kleiner Erfolge.
Welche Hürden sehen Sie?
Tom van Arman: Drei Dinge: die politischen Rahmenbedingungen, die Finanzierung und die öffentliche Wahrnehmung. Politische Wahlzyklen sind kurz, Innovation ist ein Investment. Die Finanzierung groß angelegter Smart-City-Projekte ist meist schwierig. Oft gibt es Geld für Pilotprojekte, aber nicht, um die Projekte langfristig am Laufen zu halten.
Können Sie Beispiele für bisherige Projekte nennen?
Tom van Arman: Mein erstes Projekt war die App „Reducing Waste Through Smart Reuse“, um der Stadt Amsterdam dabei zu helfen, den Hausmüll deutlich zu reduzieren. Danach kamen APIs, die verschiedene Services verbanden, dann das Internet der Dinge. Heute arbeiten wir mit Sensoren aller Art und natürlich mit Künstlicher Intelligenz. Immer gleich geblieben ist unser Ansatz: Daten offenlegen, Transparenz schaffen, Datenschutz priorisieren. Immer unter dem Grundsatz: Wenn man etwas verändern oder verbessern möchte, muss man es zunächst messen.
Wie gelingt Bürgerbeteiligung in Amsterdam?
Cornelia Dinca: Ursprünglich war eine möglichst breite Beteiligung der Bürger ein Kernziel unserer Arbeit. Leider ist das immer mehr in den Hintergrund getreten, auch weil Ressourcen fehlten. Heute setzt die Stadt stärker auf public-civil partnerships.
Tom van Arman: Für mich ist Bürgernähe der Schlüssel. Ich organisiere regelmäßig „Sensor Safaris“ für Anwohner, politische Entscheidungsträger, Beamte und Gestalter. Dabei handelt es sich um geführte Rundgänge, die die vielen unsichtbaren Schichten unserer digitalen Stadt offenbaren. Wir zeigen den Teilnehmern die Sensoren, erklären unsere Projekte, diskutieren Chancen und Ängste. Ältere Menschen sind oft skeptisch, junge offener. Aber wenn Diskussionen offen geführt werden, entstehen Aha-Momente. Nur so schafft man Verständnis und Vertrauen.
Welche Rolle spielen Partner?
Cornelia Dinca: Amsterdam Smart City war von Beginn an als Public-Private-Partnerschaft organisiert. Wichtige Partner waren Energieunternehmen, Universitäten, aber natürlich auch die Zivilgesellschaft. Im Laufe der Zeit traten verschiedene Partner dem Programm bei und verließen es wieder, wodurch nach und nach ein breiteres Ökosystem entstand.
Tom van Arman: Städte sollten sich für die Umsetzung ihrer Smart-City-Projekte unbedingt mit Universitäten und lokalen Akteuren zusammentun. Große Konzerne würde ich am Anfang nicht an Bord holen. Mein Rat: Startet lieber lokal, mit Projekten, die sich schnell und einfach umsetzen lassen.
Wo sehen Sie Amsterdam in den nächsten Jahren?
Cornelia Dinca: Es geht darum, eine zukunftsfähige Stadt zu schaffen. Für die Zukunft erwarte ich einen stärkeren Fokus auf die Begrünung der Stadt und tiefgreifendere, integrativere Bottom-up-Ansätze, die die Stadt gemeinsam mit den Bewohnern gestalten.
Was raten Sie anderen Städten, die sich jetzt erst auf den Weg machen?
Tom van Arman: Fangt klein an und wagt Experimente. Belegt eure Erfolge mit Zahlen. Und agiert ethisch und rechtlich sauber. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und die Rechte der Bürger müssen die Leitplanken sein.