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Zwischen Hitzewarnung und fehlender Prävention: Gesundheitswesen
vor großen Herausforderungen

Steigende Temperaturen bringen das Gesundheitswesen zunehmend an seine Belastungsgrenzen. Bereits 44 Prozent der Verantwortlichen berichten von spürbaren Auswirkungen durch Hitze und Hitzewellen, wobei Kliniken mit 49 Prozent besonders betroffen sind. Nur etwas mehr als ein Drittel der Einrichtungen fühlt sich ausreichend auf extreme Hitze vorbereitet, während viele ohne wirksame Schutzmaßnahmen dastehen – mit teils gravierenden Folgen für Abläufe, Personal und Versorgung.

Das liegt auch an der unzureichenden technischen und organisatorischen Hitzeprävention. Nur 38 Prozent der Einrichtungen haben Jalousien, Klimaanlagen oder Ventilatoren überprüft oder nachgerüstet. Auch personell ist das Thema schwach verankert: In 17 Prozent der befragten Gesundheitseinrichtungen gibt es einen Hitzeschutzbeauftragten, 16 Prozent planen, die Stelle zu besetzen.

Das überrascht nicht, denn das Thema Hitze wurde erst in den vergangenen Jahren systematisch angegangen. Wie bei der Klimaneutralität erschweren finanzielle Hürden und fehlende verbindliche Vorgaben wirksame Maßnahmen. Dadurch entstehen Lösungen oft nur, wenn engagierte Personen das Thema vorantreiben. So verfügen erst 15 Prozent der befragten Gesundheitsorganisationen über einen organisationsweit verbindlichen Hitzeaktionsplan – obwohl diese Pläne als zentrales Instrument gelten, sind sie bislang nicht gesetzlich vorgeschrieben.

Ihrer Einschätzung nach: Inwieweit ist Ihre Organisation
bereits negativ von Hitze oder Hitzewellen betroffen?; in Prozent der befragten Organisationen; n = 403

Quellen: Barmer, F.A.Z. Institut

Gesundheitssektor versäumt Aufklärung: Menschen zeigen Eigenverantwortung bei Hitze

Das Bewusstsein in der Bevölkerung ist durchaus vorhanden, denn viele handeln bereits verantwortungsbewusst: Mehr als die Hälfte reagiert auf Hitzewarnungen, und ein Großteil greift auf Schutzmaßnahmen zurück, die ohne großen Aufwand in den Alltag zu integrieren sind. Frauen und Menschen mit einem persönlichen oder sozialen Bezug zu hitzebedingten Risiken sind besonders konsequent.

Wer Patientinnen und Patienten frühzeitig über Hitzerisiken und Schutzmaßnahmen informiert, kann Behandlungsbedarfe reduzieren, bevor sie entstehen. Dieses Potential bleibt bislang zu häufig ungenutzt. Zu wenige Einrichtungen kommunizieren aktiv zu Hitzeauswirkungen, und die Frage der Medikamentenanpassung bei Hitze wird in der ärztlichen Beratung zu selten thematisiert. Bei der Bevölkerung ist die Informationslage noch dünner. 15 Prozent haben von medizinischem oder pflegerischem Fachpersonal konkrete Hinweise zum Umgang mit Hitze er halten; nur 6 Prozent lassen ihre Medikation bei Hitze prüfen oder anpassen.

Trotzdem geht die Bevölkerung verantwortungsvoll mit dem Thema Hitze um: Mehr als die Hälfte nimmt amtliche Hitzewarnungen ernst und passt ihr Verhalten entsprechend an. Klassische Massenmedien sind die zentrale Informationsquelle – 58 Prozent beziehen ihre Hitzeinformationen vorwiegend aus Fernsehen und Radio. Die mediale Informationspolitik zeigt Wirkung: Knapp drei Viertel fühlen sich gut über hohe Temperaturen und deren gesundheitliche Folgen informiert.

SVG Beispiel

bei 6% der Bevölkerung wurde aufgrund von Hitze die Medikation geprüft oder angepasst.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie im Alltag gegen Hitze?; in Prozent der Bevölkerung; n = 1.003

 

Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

„Wer jetzt nichts tut, zahlt später deutlich mehr“

Dr. Matthias Albrecht, Geschäftsführer für klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen bei KLUG, erklärt, warum Hitzeschutz und Klimaneutralität keine getrennten Aufgaben sind – und weshalb fehlende Regulatorik und falsche Denkgewohnheiten mehr bremsen als knappe Ressourcen.

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Porträtfoto von Matthias Albrecht, einem Mann mit grauem Haar und Brille, der in die Kamera lächelt. Er trägt ein helles Hemd und ein Sakko. Bildnachweis: Lena Sielaff. Matthias Albrecht ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Geschäftsführer bei KLUG, wo er den Aufbau eines Kompetenzzentrums für klimaresiliente Gesundheitseinrichtungen verantwortet. Zuvor leitete er 15 Jahre das Evangelische Krankenhaus Hubertus in Berlin – das erste vom BUND zertifizierte Krankenhaus Deutschlands. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Klimawandel

Hitze als reale Herausforderung: Bevölkerung handelt, Kommunen am Zug

Die Bevölkerung handelt bewusst im Umgang mit Hitze, was auch daran liegt, dass die globale Erwärmung längst als reale Herausforderung im Hier und Jetzt wahrgenommen wird: 70 Prozent der Menschen berichten von einer Zunahme heißer Tage in den vergangenen Jahren. Vor allem in dicht bebauten Gebieten sind hohe Temperaturen spürbar – besonders betroffen sind dabei Großstädte.
Diese Wahrnehmung und zahlreiche Expertenwarnungen führen dazu, dass sich die Mehrheit der Befragten vor häufigeren und intensiveren Hitzewellen in der Zukunft sorgt. Besonders sensibel reagieren dabei Frauen: Sie nehmen die Zunahme heißer Tage stärker wahr als Männer und blicken auch mit größerer Sorge auf künftige Hitzewellen.

Weniger als die Hälfte der Menschen fühlt sich jedoch im Alltag gut oder sehr gut auf hohe Temperaturen vorbereitet. Etwas mehr als ein Drittel kommt mit Hitzewellen mal besser, mal schlechter zu recht, während rund 16 Prozent Schwierigkeiten haben, die Belastungen durch die Hitze zu bewältigen. Während Hitzeperioden empfinden 50 Prozent der Bevölkerung die Temperatur in ihrem Zuhause als belastend. Das liegt nicht an fehlenden individuellen Schutzmaßnahmen: Die große Mehrheit der Bevölkerung nutzt im Alltag einfache, aber wirksame Strategien gegen die Hitze.

Frauen handeln dabei aktiver und konsequenter als Männer. So passen 79 Prozent der Frauen ihre Trink- und Ernährungsgewohnheiten an – bei Männern sind es 66 Prozent. Beim Verdunkeln von Wohnräumen ist der Abstand ähnlich groß. Körperliche Aktivitäten schränken 53 Prozent der Frauen bei Hitze ein, bei Männern sind es 40 Prozent. Und trotzdem: Nur 39 Prozent der Frauen fühlen sich gut auf Hitze eingestellt – bei Männern sind es 59 Prozent.

Ein Ansatzpunkt für verbesserten Hitzeschutz liegt in der öffentlichen Infrastruktur: Während individuelle Maßnahmen einfach umsetzbar sind, gelingt umfassender Schutz nur in Verbindung mit hitzeresilienten Lösungen. Fast die Hälfte der Bevölkerung befürwortet kommunale Initiativen wie den Zugang zu kühlen öffentlichen Aufenthaltsräumen oder eine hitzeresiliente Stadtplanung. Diese von der Bevölkerung geforderten Hitzeschutzmaßnahmen finden sich bereits in einigen Kommunen, eine flächendeckende Umsetzung steht jedoch noch aus.

Welche Ideen zum Schutz vor Hitze halten Sie für sinnvoll?; Mehrfachnennungen möglich; in Prozent der Bevölkerung; n = 1.003

Quellen: BARMER, F.A.Z. Institut

Redaktion:

Thilo Kampffmeyer ist Senior Redakteur bei F.A.Z. Business Media | research. Er hat empirische Politik- und Sozialwissenschaft an der Universität Stuttgart studiert. Bevor er zum F.A.Z. Fachverlag kam, war er mehrere Jahre in einem Marktforschungsinstitut als Studienleiter tätig.

Thilo Kampffmeyer

Thilo Kampffmeyer ist Senior Redakteur bei F.A.Z. Business Media | research. Er hat empirische Politik- und Sozialwissenschaft an der Universität Stuttgart studiert. Bevor er zum F.A.Z. Fachverlag kam, war er mehrere Jahre in einem Marktforschungsinstitut als Studienleiter tätig.

veröffentlicht: 08.10.2024
zuletzt aktualisiert: 07.09.2026