Was versteht die Stadt Barcelona unter Smart City?
Für uns bedeutet Smart City nicht in erster Linie Technologie. Es geht um einen intelligenten Umgang mit Informationen und Daten, aber auch um Dialog und Zusammenarbeit. Eine Stadt ist dann „smart“, wenn sie kollektive Intelligenz nutzt: Alle Akteure, darunter die Verwaltung, Unternehmen, Wissenschaft und Bürger, tragen idealerweise zu den Lösungen bei, die die Stadt voranbringen.
Hat sich die Strategie in den letzten Jahren verändert?
Ja. Als wir gestartet sind, ging es sehr stark um Technologie. Wir haben geglaubt, dass technische Innovationen Probleme lösen werden. Technologie ist natürlich nach wie vor wichtig. Ohne Technologie als Partner entsteht keine Innovation. Aber heute wissen wir: Ohne offene Strukturen und eine gute Zusammenarbeit bleibt es bei Insellösungen. Wir haben hier einen Lernprozess durchlaufen und legen den Schwerpunkt stärker auf Zusammenarbeit und Dialog. Die Technik ist gewissermaßen nur noch Mittel zum Zweck.

©Barcelona City Hall
Wie messen Sie, ob Barcelona beim Thema Smart City vorangekommen ist?
Das ist nicht einfach, weil eine Stadt eine hochkomplexe Angelegenheit ist. Wir müssen die Höhe der Mieten und die Lebensqualität ebenso in den Blick nehmen wie den gesamten Bereich der Mobilität. Vergleichsweise leicht lassen sich unsere Fortschritte im Bereich des Klimaschutzes messen: Wir analysieren etwa die Emissionswerte, die Zahl der Solaranlagen oder Ladesäulen und erheben, wie viele Menschen den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Hier können wir anhand von KPIs ablesen, ob wir als Stadt besser geworden sind. Aber letztlich bleibt es ein Marathon: Wir sehen Fortschritte, aber bei vielem dauert es seine Zeit, bis sich Erfolge einstellen.
Welche Rolle spielt dabei die Politik – Stichwort: wechselnde Regierungen?
Eine große. Die Politik trägt im positiven Sinne Verantwortung dafür, dass die Smart-City-Projekte das Leben der Menschen auch wirklich verbessern. Aber der Rhythmus der Politik stimmt nicht immer mit dem Rhythmus von Transformationen überein. Innovation braucht oft länger als eine Wahlperiode. Wir stehen daher ständig wieder aufs Neue vor dem Problem, kurzfristige Projekte mit langfristigen Strategien ausbalancieren zu müssen.
Wie gehen Sie mit Daten um?
Jeder Fachbereich in der Stadtverwaltung hat eigene Dashboards für seine spezifischen Themen. Gleichzeitig gibt es ein zentrales, stadtweites Dashboard, das die strategischen Entwicklungsziele überwacht. Transparenz und Datenzugänglichkeit sind für uns zentrale Bausteine. Dabei geht es nicht nur um eine intelligente Steuerung aller Aktivitäten, sondern auch darum, Vertrauen bei den Bürgern aufzubauen oder zu erhalten.
Was sind aktuell die größten Herausforderungen?
An erster Stelle: der Klimawandel mit all seinen Folgen. Hitzewellen, Luftqualität, Mobilität, Energie, Wohnungsbau – das alles hängt zusammen. Jeder Bereich des Stadtlebens ist von der Erderwärmung betroffen. Deshalb ist Klimaschutz für uns das übergreifende Thema.
Was haben Sie in diesem Prozess gelernt?
Dass Zusammenarbeit unverzichtbar ist und gleichzeitig schwierig. Universitäten, Forschung, Unternehmen, Verwaltung – alle sprechen ihre eigene Sprache. Alle haben eigene Interessen, auch die jeweiligen Kulturen unterscheiden sich zum Teil erheblich. Man muss bereit sein, Kompromisse und einen gemeinsamen Nenner zu finden. Zusammenarbeit ist kein Selbstläufer, aber die einzige Möglichkeit, komplexe Probleme zu lösen.
Wie groß ist Ihr Team?
Das Kernteam von BIT Habitat umfasst rund zehn Personen. Wir arbeiten mit externen Partnern und anderen Abteilungen zusammen, aber die Koordination der verschiedenen Smart-City-Projekte liegt bei uns.
Wer sind Ihre wichtigsten Partner?
Universitäten, Forschungseinrichtungen und große Unternehmen mit eigenen Innovationsabteilungen. Und natürlich auch wichtige Player vor Ort wie der Automobilhersteller SEAT oder große Messen wie die Fira, mit der wir regelmäßig Pilotprojekte realisieren.
Stichwort „Barcelona Innova“: Was steckt hinter dieser Initiative?
Das ist unsere neue Innovationsplattform. Sie ist Anfang dieses Jahres gestartet. Wir wollen dabei nach der „Sandbox“-Methode vorgehen. Unternehmen, Start-ups oder Institutionen können Pilotprojekte unter realen Bedingungen testen. Sie erhalten dabei auf Wunsch Unterstützung von der Stadt. Unsere Aufgabe ist es, die Türen zu den relevanten Abteilungen zu öffnen, den Austausch mit der Verwaltung zu fördern und die nötigen Genehmigungen zu beschaffen. Wichtig ist dabei: Wir sind offen für alle. Jeder kann seine Idee einbringen, unabhängig von der Branche oder der Größe. So entsteht ein echtes Innovationsökosystem.
Top-down und Bottom-up: Wie gehen Sie beim Thema Bürgerbeteiligung konkret vor?
Wir arbeiten in beide Richtungen. Manchmal setzen wir als Stadt Prioritäten und legen selbst fest, welche Themen beackert werden müssen, etwa im Bereich Wasserverbrauch oder Energieeinsparung. Dann sagen wir: „Das ist das Problem, bringt uns Lösungen.“ Das ist der Top-down-Ansatz. Gleichzeitig gibt es aber auch einen Bottom-up-Kanal: Bürger, Unternehmen oder Institutionen schlagen selbst Lösungen vor, die wir finanziell und organisatorisch unterstützen. Entscheidend bei beiden Ansätzen ist, dass niemand ausgeschlossen wird.
Was ist der Fokus der kommenden fünf bis zehn Jahre?
Ganz klar: Klimawandel und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Diese Themen sind so komplex, dass sie in jeder Wahlperiode unabhängig von politischen Mehrheiten auf der Agenda bleiben werden. Wir verzichten bewusst auf eine starre Smart-City-Strategie, sondern nutzen Innovation als Methode. Wir wollen flexibel auf die Herausforderungen reagieren können, die sich aktuell stellen.
Wie würden Sie Barcelonas Definition einer Smart City auf den Punkt bringen?
Smart City bedeutet für uns kollektive Intelligenz. Technologie ist ein Werkzeug, aber nicht das Ziel. Am Ende geht es darum, das Alltagsleben der Bürger angenehmer zu machen: weniger Luftverschmutzung, mehr bezahlbarer Wohnraum, funktionierende Mobilität. Smart City bedeutet Zusammenarbeit und dass die Stadt für alle lebenswert bleibt.